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Vermarktung

Mit Improvisation die Kosten gesenkt

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Externer Autor
am
30.10.2018

Familie Rüd hält rund 400 Legehennen in Mobilställen. Deren Eier vermarkten sie ab Hof

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Lohnt sich ein Eierautomat am Hof oder an der Straße? Fachberater Peter Haible ist skeptisch. Folgt man seiner Wirtschaftlichkeitsrechnung, müsste der Hühnerhalter täglich 350 Eier verkaufen, damit er überhaupt eine schmale Gewinnzone erreicht. Dieses Problem hat die Familie Rüd vornehm umgangen. Anstelle eines kostspieligen Automaten haben sie auf ihrem Hof in Jedelhausen (Lks. Neu-Ulm) ein schlichtes, selbst gebautes Eierhäuschen mit einer Vertrauenskasse aufgestellt. „Das rentiert sich absolut“, versichert Karin Rüd. „Über unser Eierhäusle verkaufen wir täglich 360 Eier aus unseren zwei mobilen Hühnerställen. Ich hätte nie gedacht, dass die Sache so gut läuft.“
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Im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung des Fachzentrums für Kleintierhaltung am AELF Pfaffenhofen besichtigten rund 30 Legehennenhalter aus Schwaben und Oberbayern den Betrieb der Familie Rüd. Begrüßt werden sie dort von Peter Haible, Fachberater für Geflügelhaltung am AELF Wertingen. „Die Legehennenhaltung und die mobilen Hühnerställe boomen derzeit“, stellt Haible fest. Damit häuften sich aber auch die Probleme, die mit immer mehr Ställen und immer mehr Tieren einhergingen, beispielsweise im Bereich des Tier- und Immissionsschutzes. Dem Fachberater zufolge gibt es in Schwaben aktuell rund 50 mobile Hühnerställe, die Beratungsanfragen nehmen zu. „Und dennoch ist die mobile Legehennenhaltung nach wie vor eine Nische.“
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Warum das so ist? Haible führt die im Vergleich zur herkömmlichen Legehennenhaltung hohen Investitionskosten an. Während sich diese in einem festen Stall auf 80 bis 100 € pro Hennenplatz belaufen, summieren sie sich in einem mobilen Stall auf 250 € pro Platz. Dazu komme, dass die Hühner in den Mobilställen selektiv fressen und sich ihr Trinkwasser bei sommerlichen Temperaturen schnell erwärmt, so dass es häufiger gewechselt werden muss. Insgesamt sei der Arbeitsaufwand deutlich höher als in einem festen Stall. „Etliche Hühnerhalter haben aufgrund dieser Nachteile ihre mobilen Ställe wieder aufgegeben“, weiß Haible.
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Ans Aufgeben denken jedoch weder Betriebsleiter Johannes Rüd noch seine Frau Karin oder ihr Sohn Samuel, der derzeit seinen Landwirtschaftsmeister macht. Ihr mobiler Stall steht auf einem Stück Land, wo heute noch zwei Stauweiher davon zeugen, dass sich dort einst eine Mühle befand. Diese brannte 1958 jedoch vollständig nieder, wurde nicht mehr aufgebaut. An ihrer Stelle entstand ein Milchviehbetrieb, den Johannes Rüd 1992 übernommen und schrittweise entwickelt hat. Derzeit bewirtschaften der Landwirtschaftsmeister und die Hauswirtschaftsmeisterin gemeinsam mit ihrem Sohn 30 ha Acker- und 20 ha Grünland. Von der Nutzfläche liegen 25 ha rund um den Hof. Im Laufstall stehen 50 Fleckviehkühe, eine Biogasanlage mit einer Leistung von 110 kW sorgt für ein Zusatzeinkommen. In der Anlage werden nachwachsende Rohstoffe, Gülle und Getreideabfälle vergoren.

Vertretbarer Aufwand

2016 kauften die Rüds ihren ersten mobilen Legehennenstall. Der zweite folgte ein Jahr später, nachdem sich die Nachfrage nach Eiern gut entwickelt hatte. In jedem der beiden Mobilställe tummeln sich durchschnittlich 200 Legehennen. Um das anfangs schleppend verlaufende Eiergeschäft anzukurbeln, verteilte die Familie Werbeflyer in der Umgebung – und siehe da, die Kunden stellten sich ein. „Der Arbeitsaufwand für die mobilen Hühnerställe hält sich mit zweieinhalb Stunden pro Tag in Grenzen“, betont Karin Rüd. Die Eier werden komplett über den schlichten Holzstand am Wohnhaus auf dem Hof abgesetzt. Rund 40 000 € haben die Rüds in jeden der beiden Mobilställe investiert. „Ich rechne damit, dass sie sich in zehn Jahren amortisiert haben“, sagt Karin Rüd.
Verkauft werden die Eier unsortiert im Zehnerpack, das Stück zu 30 ct. Den Aufpreis gegenüber den Eiern aus dem Supermarkt zahlen die Kunden gerne. Schließlich stammen sie ja aus dem „Hühnerhimmel“, mit dem die Familie Rüd eifrig wirbt. „Draußen picken, täglich frisches Gras, Würmer suchen, im Staub baden und Schutz im Stall finden“, heißt es auf den Werbeplakaten am Hof. „Das Hühnermobil: tiergerecht, ökologisch, hygienisch und regional.“
Ursprünglich gab es auf dem Betrieb nur wenige Legehennen, um die sich die Mutter des Betriebsleiters gekümmert hatte. Das Aufgeben der Hühnerhaltung kam für Johannes Rüd aber nicht infrage. Bei seinen mobilen Hühnerställen hat Rüd durchaus die Wirtschaftlichkeit im Blick. Als Einstreu für die Legenester verwendet er Dinkelspelz, wie er ihn auch in seiner Biogasanlage als Substrat einsetzt. Der Scharrraum wird dagegen mit Häckselstroh eingestreut. Das handelsübliche Fertigfutter ergänzt Rüd mit hofeigenem Weizen. Ansonsten fressen die Legehennen, was „die Wiese hergibt“, sagt Sohn Samuel.
Über das Jahr hinweg wechseln die mobilen Ställe ihren Standort auf einer Grünlandfläche mit einer Größe von insgesamt 3 ha. „Wir könnten schon auch mit weniger Fläche arbeiten, aber dann wäre nach dem Wechseln keine Wiese mehr da“, erklärt der Jungbauer. Zweimal wöchentlich wird der Wasservorrat in den mobilen Ställen aufgefüllt, jeweils 400 l passen in die Tanks. „Heuer haben die Hühner warmes Wasser zum Trinken erhalten“, räumt der Seniorchef ein und bestätigt damit einen Nachteil der Mobilställe. Natürlich werden auch die Legehennen verwertet, wenn sie nach rund einem Jahr ihren Dienst verrichtet haben. Nach der Schlachtung werden sie auf Vorbestellung direktvermarktet.

Hygiene: Das A und O

Haible ist die Stallhygiene ein besonderes Anliegen. Er appelliert an die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung, ihre mobilen Ställe gründlich zu reinigen. „Das ist das A und O.“ Beim Waschen der Ställe sollten Fett- und Eiweißlöser eingesetzt und bei der Desinfektion darauf geachtet werden, dass auch tatsächlich alle Bakterien und Parasiten wie Milben vollständig beseitigt sind. Außerdem schade es den mobilen Ställen nicht, wenn sie einmal für zwei Wochen leer stehen, damit sie sich „erholen“ können.
An eine Umstellung ihrer Milchvieh- und Legehennenhaltung auf den ökologischen Landbau denkt die Familie Rüd nicht. „Davon schrecken uns die höhere Arbeitsintensität und die strengen Auflagen ab“, betont Karin Rüd. „Jetzt haben wir noch die Möglichkeit, bei Hygiene- und Parasitenproblemen auf chemische Wirkstoffe zurückzugreifen, wenn gar nichts anderes mehr hilft.“

Ein Rechenbeispiel

An die Betriebsbesichtigung schloss sich ein fachlicher Austausch zu Schwerpunktthemen der mobilen Legehennenhaltung an. Im Mittelpunkt stand die Wirtschaftlichkeit. Hier musste Peter Haible manchem Interessierten, der auf eine gewinnbringende Vermarktung der Eier mittels Automat spekuliert, die Augen öffnen. Folgt man einem Rechenbeispiel des Fachberaters, so belaufen sich die Anschaffungskosten für einen Eierautomaten auf 9800 €, dazu kommen noch die Einhausung des Automaten zu 1200, der Stromanschluss für 150 und Werbemaßnahmen zu 510 € – eine Investition von 11 660 €. Mit dem Automatenkauf ist es freilich nicht getan. An Festkosten veranschlagt Haible eine jährliche Abschreibung von 1166 €, 175 € Zins bei einem Zinssatz von 1,5 % ,Wartungskosten von 920 € und Stromkosten von 1091 € pro Jahr. Damit belaufen sich die Festkosten auf 3352 €. Setzt man dann noch einen täglichen Arbeitsaufwand von 40 Minuten an, der mit einem Stundenlohn von 17 € vergolten werden soll, ergeben sich für den Beispiel-Automaten Gesamtfestkosten von 7488 €.
Auf der Haben-Seite steht der Verkauf. Im Großhandel bekäme der Legehennehalter für Eier der Klasse M und L jeweils 17 ct, für ein Ei der Klasse XL 18 ct. Im Automaten dagegen könnte er für das M-Ei 22, das L-Ei 24 und für das XL-Ei 27 ct verlangen. Das macht einen Mehrerlös von 5 ct beim M-Ei, von 7 ct beim L-Ei und von 9 ct beim XL-Ei. Daraus errechnet sich über alle Größen hinweg eine Mehreinnahme von durchschnittlich 7 ct pro Ei durch die Automatenvermarktung.
Denjenigen, der jetzt den großen Gewinn als gegeben sieht, muss Haible enttäuschen. Um die jährlichen Festkosten von 7488 € hereinzuholen, müsste der Automatenbesitzer pro Jahr 107 000 Eier absetzen, das sind 293 Eier pro Tag. Schafft er es, täglich 350 Eier zu vermarkten, käme er in die Gewinnzone, wenn auch nur mit einem mäßigen Plus von 1454 €. Will der Mobilstallbesitzer etwas mehr als 4000 € Gewinn einfahren, müsste er schon 450 Eier pro Tag zu einem Mehrpreis von 7 ct im Vergleich zum Großhandelspreis über seinen Automaten verkaufen. Wie das Beispiel der Familie Rüd zeigt, lässt sich mit etwas Improvisationsgeschick und Bescheidenheit erfolgreich auch ein „Automat“ herstellen, bei dem sich zumindest die Investitionskosten auf 0 € belaufen. MA
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