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Landschaftspflegepreis

Wie man mit einem Staubsauger Pflanzensamen gewinnt

Preisträger Landschaftspflege
Michael Ammich
am
17.08.2017

Königsbrunn - Rudolf Sirch und Gerhard Süßmair wurden mit dem ersten Preis des Deutschen Landschaftspflegepreises ausgezeichnet. Wir stellen vor: ihren eBeetle.

Das Ernten von Wildkräutersamen auf Heideflächen gehört zum Geschäft vieler Landwirte, die sich der Landschaftspflege verschrieben haben. Aber wie die Samen ernten, ohne die Pflanzen zu mähen und damit einerseits die Futtergrundlage der Weideschafe und andererseits den natürlichen Selbsterhalt der Heiden zu gefährden? Rudolf Sirch und Gerhard Süßmair haben eine Lösung gefunden: Mit einer Art „Staubsauger“ bürsten sie die Samen von den stehenden Kräuterbeständen ab und fangen sie auf. Nicht nur für diesen innovativen Ansatz in der Landschaftspflege wurden die beiden Landwirte mit dem Deutschen Landschaftspflegepreis ausgezeichnet.
Seit 25 Jahren sind Rudolf Sirch und Gerhard Süßmair in der Region Augsburg als Landschaftspfleger aktiv. Mit dem ersten Preis in der Kategorie „Engagierte Personen“ würdigte der Deutsche Verband für Landschaftspflege bei einem Festakt in Regensburg die fachliche Kompetenz, das eigenständig-innovative Denken und die Zuverlässigkeit der erfahrenen Landwirte. Sirch und Süßmair haben für ihr zweites Betriebsstandbein, die Landschaftspflege, verschiedene Maschinen gekauft oder eigenhändig umkonstruiert. Während Sirch im Haupterwerb in Hurlach bei Landsberg einen Milchviehbetrieb mit 35 Kühen und 23 ha Nutzfläche, überwiegend Grünland, bewirtschaftet, betreibt Süßmair in Winkl, ebenfalls bei Landsberg, im Nebenerwerb reinen Ackerbau auf 20 ha. Beide gehörten vor 25 Jahren zu den ersten staatlich geprüften Natur- und Landschaftspflegern in Bayern.

 

Heimische Samen mit dem eBeetle gewinnen

Heute bieten Sirch und Süßmair ihre Dienste vor allem Kommunen wie der Stadt Augsburg sowie dem Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg an. Zu ihren Arbeiten gehören die Pflege von Gehölzen oder das Mähen und Gestalten von Flächen. Für Letzteres benötigen sie wiederum autochthone, also von heimischen Standorten stammende Pflanzensamen. Wie sie diese sammeln, führen Sirch und Süßmair auf der rund 5 ha großen Lechheide bei Königsbrunn vor. Ihr wichtigster Helfer ist dabei der eBeetle, ein Gerät, das der Schweizer Landwirt Dr. Andreas Bosshard selbst entwickelt hat und das er europaweit vertreibt.
Der studierte Agrarökologe bewirtschaftet in Hochwil-Lieli im Kanton Aargau einen 30-ha-Betrieb mit Milchvieh, Ackerbau und Wiesensaatgut-Produktion. Nicht zuletzt dank seines eBeetle ist Bosshard zum größten Produzenten von Wiesensaatgut in der Schweiz aufgestiegen. Bei dem Gerät handelt es sich im Grunde um eine fahrende, handliche Kräuterbürste mit Auffangkorb, die mit ihren 100 cm Arbeitsbreite in den Laderaum eines Pkw-Kombi passt.
Was sich auf den ersten Blick so schlicht präsentiert, ist jedoch eine pfiffige Tüftlerleistung. Der elektrische Samenernter wird von Batterien angetrieben, die für eine umweltfreundliche, kaum hörbare Arbeit sorgen. Eine rotierende Bürste streift im stehenden Bestand die Samen von den Pflanzen ab, ein Luftstrom befördert sie dann in den Auffangkorb am hinteren Ende der Maschine. Die Ladung der Batterien reicht für einen Arbeitstag.
„Die Idee zu meinem eBeetle ist aus der Not geboren“, sagt Bosshard. Immer mehr Kommunen und Landschaftspflegeverbände fordern nämlich für die Gestaltung und die Pflege von ökologisch sensiblen Flächen autochthones Saatgut. So sollen nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz Gehölze und andere Pflanzen in der freien Natur vorzugsweise innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden.
Ab dem Jahr 2020 wird für den Einsatz gebietsfremder Pflanzen sogar eine eigene Genehmigung erforderlich. Bis Bosshard vor drei Jahren seinen eBeetle-Prototyp fertiggestellt hatte, war er auf das händische Ernten der Kräutersamen aus Mähgut angewiesen. Die Samen wurden in Töpfchen zu Pflanzen herangezogen, die dann wieder neue Samen lieferten. Eine andere Methode ist das Mähen und das Ablegen des Mähguts auf einer Fläche, bis der Samen von selbst aus den Pflanzen herausfällt.
Mit dem eBeetle lässt sich jetzt ein Wiesensaatgutgemisch einsammeln, das die komplette Artenvielfalt der beernteten Fläche widerspiegelt. Die Entwicklung Bosshards fand Anklang, er hat bereits ein gutes Dutzend eBeetle abgesetzt. Seit 2016 exportiert der Schweizer sein Gerät auch. So wird der eBeetle inzwischen beispielsweise in Frankreich, Österreich, Luxemburg oder Belgien in der Landschaftspflege eingesetzt – und ab sofort durch Sirch und Süßmair auch in Deutschland. Süßmair hat dafür gut 19 000 € hingeblättert.
Für Rudolf Sirch hat der eBeetle einen entscheidenden Vorteil: „Die Ausbringung von Mähgut aus der Heide auf andere Flächen hat einen kleinen Haken. Damit lassen sich nämlich die Samen nicht bevorraten und nur ein kleiner Teil von ihnen erwischen.“ Dagegen können die mit dem eBeetle eingesammelten Samen getrocknet und ein Vorrat angelegt werden. Bislang mussten Sirch und Süßmair das Heidemähgut mit dem Ladewagen auf Erweiterungsflächen verteilen und darauf hoffen, dass möglichst viele Samen darunter sind, die auch tatsächlich aufgehen.
Während Süßmair den eBeetle über die Königsbrunner Heide führt, ist fast kein Laut zu hören. Die selten gewordenen Schwalbenschwänze und andere Schmetterlinge gehen an den Skabiosen, Graslilien und Kreuz-Enzianen weiterhin ungestört ihrer „Arbeit“ nach. Am Ende eines kurzen Durchgangs öffnet Süßmair den Auffangkorb des eBeetle und leert ihn auf einem Leintuch aus. Neben der ganzen Samenvielfalt sind nur wenige andere Pflanzenteile in die Falle gegangen, aus dem Samenhaufen krabbeln jede Menge Heuschrecken und Käfer unverletzt hervor. Ganz auf eigene Faust setzt Süßmair den eBeetle auf den öffentlichen Flächen allerdings nicht ein. „Ich werde mir wie schon bisher von den Besitzern der Spenderflächen immer das Okay einholen.“
Nicolas Liebig ist begeistert von der sanften Samenernte mit dem eBeetle. „Die Königsbrunner Heide ist in einem Top-Zustand, was vor allem Rudolf Sirch und Gerhard Süßmair zu verdanken ist“, freut sich der Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Stadt Augsburg. Er bescheinigt den beiden Bauern einen guten Blick für den richtigen Zeitpunkt der Ernte, wenn sich die Samen von den Heidekräutern zu lösen beginnen. Liebig schildert die Königsbrunner Heide als ein sehr sensibles ökologisches Gefüge. Die 5 ha große Fläche wird jährlich nur zu zwei Dritteln gemäht und das Saatgut nur auf 0,5 ha geerntet. So bleibt genügend Saatgut für den Selbsterhalt der Heide und eine ausreichende Futtergrundlage für die Schäfer übrig.

 

Artenvielfalt in Flora und Fauna erhalten

Die auf der Heide vom eBeetle eingesammelten Samen werden vorwiegend auf Ausgleichsflächen ausgebracht, erklärt Liebig. Weil die Königsbrunner Heide nur im August oder September gemäht wird, ließe sich aus dem Mähgut nicht die ganze Vielfalt der Pflanzensamen gewinnen. Dass nun das gesamte Samenspektrum der früh oder erst spät blühenden Heidepflanzen zur Verfügung steht, sei dem eBeetle zu verdanken. Die Freude an der reichen tierischen und pflanzlichen Artenvielfalt steht auch Rudolf Sirch, Gerhard Süßmair und ihren Söhnen ins Gesicht geschrieben. Sowohl Alexander Sirch als auch Christoph Süßmair werden einmal den Betrieb ihres Vaters übernehmen und weiter in der Landschaftspflege aktiv sein.
Und Liebig hofft, dass sich seine Vision einer autochthonen städtischen Pflanzenvielfalt erfüllt. „Durch das Ausbringen der Samen aus den Lechheiden auf geeigneten Flächen in Augsburg könnte den Grünflächen ein ganz charakteristisches, blütenreiches Erscheinungsbild verliehen werden.“

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