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Anbindehaltung

Milchviehhalter - Bauern unter Dauerbeschuss

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Michael Ammich
am
20.05.2019

Erst geht es gegen die Anbindehaltung, dann sind die alten Laufställe dran.

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Parallelen zwischen der Kirche und der Landwirtschaft zog Pater Tassilo Lengger auf der Jahresversammlung der MeG Augsburg-West in Biburg. Beide Institutionen stehen im medialen Dauerfeuer und kämpfen um ihr gesellschaftliches Ansehen, erkannte der Klosterökonom der Erzabtei St. Ottilien. Ganz sicher lag es nicht in der Absicht des Paters, die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern mit dem Kindesmissbrauch durch kirchliche Amtsträger in Verbindung zu bringen. Sein Vergleich zeigt aber auf, wie hart das Ringen der bäuerlichen Familien um die gesellschaftliche Anerkennung geworden ist.
Einen Punkt aus den Vorhaltungen, denen sich die konventionellen Landwirte stellen müssen, griff Reinhold Mayer auf: die Anbindehaltung. Er verstehe die Molkereien, die sich hier den Anforderungen des Lebensmitteleinzelhandels beugen müssen, sagte der MeG-Vorsitzende. Kein Verständnis habe er jedoch für das Vorgehen der Molkerei Zott (Mertingen), die ihren Milchlieferanten einen Vertrag regelrecht aufgezwungen habe, in dem zwischen Laufstall- und Anbindehaltung differenziert wird. Darin wird darauf hingewiesen, dass es zu einer getrennten Erfassung kommen könnte, falls der Handel keine Milch aus der Anbindehaltung mehr annehmen wird, bestätigte der Kemptener VMB-Geschäftsstellenleiter Jürgen Geyer. Tritt dieser Fall tatsächlich ein, werde Zott den Anbindehaltern wohl einen geringeren Milchpreis auszahlen, um die Mehrkosten der getrennten Erfassung auszugleichen.
Zusammen mit sieben weiteren Milcherzeugergemeinschaften habe sich die MeG Augsburg-West gegen die Zott-Verträge gewehrt, stellte Reinhold Mayer klar. Damit hätten die acht MeGs insgesamt 90 Mio. kg Milch in die Waagschale werfen können. Dann sei jedoch eine MeG nach der anderen eingeknickt, so dass schließlich auch der MeG Augsburg- West nichts anderes übrig geblieben sei, als den umstrittenen Vertrag zu unterzeichnen. „Heute ist es die Ablehnung der Anbindehaltung und morgen geht es dann an die Betriebe mit alten Laufställen“, befürchtete der Vorsitzende. Schwer enttäuscht zeigte er sich von der Zurückhaltung der Bayern MeG mit Blick auf die Lieferverträge mit der Molkerei Zott. „Wir haben uns allein gelassen gefühlt“, ärgerte sich Mayer.
Immerhin, in seinem Tätigkeits- und Geschäftsbericht konnte der Vorsitzende auf einigermaßen befriedigende Milchpreise verweisen. An die Molkerei Zott lieferten im vergangenen Jahr 44 Mitglieder insgesamt 11,2 Mio. kg Milch zu einem durchschnittlichen Auszahlungspreis von 36,86 ct. 86 MeG-Betriebe dienten der Molkerei Gropper insgesamt 35 Mio. kg an, der Auszahlungspreis belief sich hier im Jahresschnitt auf 36,92 ct. An die Molkerei Müller gaben 21 Lieferanten 5 Mio. kg Milch ab und erhielten dafür 35,91 ct/kg. In den Auszahlungspreisen der Molkereien Zott und Gropper ist ein Zuschlag für GVO-freie Milch enthalten. Die Molkerei Müller bezahlte 2018 noch keinen Zuschlag für gentechnikfreie Fütterung.
Pater Tassilo Lengger lebt und arbeitet seit 23 Jahren in der Erzabtei St. Ottilien. Nach dem Studium der Landwirtschaft und verschiedenen Praktika sattelte er ein theologisches Studium obendrauf. Nach einem Rom-Aufenthalt kehrte er 2004 nach St. Ottilien zurück, um dort die Leitung der großen Kloster-Landwirtschaft zu übernehmen. 2006 wurde Pater Tassilo zum Priester geweiht, seither ist er auch in einem „zweiten Standbein“, nämlich der Seelsorge tätig.
Die Klosterökonomie von St. Ottilien verfügt über 150 ha Grün- und 136 ha Ackerland, dazu kommen noch 130 ha Wald. Gab es früher noch genügend Arbeitskräfte, so muss das Kloster heute, wie jede moderne Landwirtschaft, auf schlagkräftige Maschinen setzen. Zudem müsse sich auch die Klosterökonomie in St. Ottilien den gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen an die Landwirtschaft beugen. Ein Zeichen für den Wandel sei beispielsweise der Vegetariertisch, der im Speisesaal für die Fleischverächter unter den Mönchen eingerichtet wurde.
Ein Schwerpunkt in St. Ottilien ist die Milchviehhaltung mit 180 Kühen. Für sie wurde 2010 ein neuer Laufstall mit Melkkarussel und Besuchertribüne gebaut. Überhaupt legt der Klosterökonom großen Wert auf Transparenz und Kommunikation. Zum einen gelte es, der Bevölkerung zu zeigen, dass auch Mönche arbeiten, und zum anderen, die Menschen über die moderne Landwirtschaft aufzuklären. Der Dialog mit den Verbrauchern sei ganz entscheidend, um der Gesellschaft ein gutes Bild der Landwirtschaft zu vermitteln. „Das Volksbegehren zur Artenvielfalt war nur der Anfang“, sagte Lengger. Ein Mehr an Artenvielfalt lasse sich nur gemeinsam von den Landwirten und der Gesellschaft auf den Weg bringen.
Zur modernen Landwirtschaft gehört in der Erzabtei auch eine 500 kW-Biogasanlage mit Wärmekonzept. Zuvor musste im Kloster eine Raumfläche von insgesamt 66 000 m² mit Öl beheizt werden. Verbrauchsspitzen werden mit einer zusätzlichen Hackschnitzelheizung abgefangen. Mit dem Bau der Biogasanlage ist schon aufgrund ihres hohen Maisbedarfs der ökologische Landbau für das Kloster gestorben, sagte Pater Tassilo. Ein weiterer Grund für das Beibehalten der konventionellen Wirtschaftsweise sei der Standort des Milchviehlaufstalls, an dem es keine Möglichkeit zum Auslauf gebe.
Wie in jedem Unternehmen sei es auch in der Klosterökonomie wichtig, mit den Angestellten, Auszubildenden und Praktikanten nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe zu kommunizieren. Das betreffe übrigens auch die Kirche, so Pater Tassilo. Ein Aspekt des benediktinischen Lebens ist das Maßhalten. „Wir brauchen im Kloster keine 10 000-Liter-Turbokuh.“ Zum rechten Maß gehört für die Mönche auch das Einhalten der Sonntagsruhe. Am Tag des Herrn gibt es für sie kein Güllefahren, Maishäckseln, Heumachen und Ackern, nur das Vieh wird versorgt. Der Pater legte auch seinen weltlichen Berufskollegen die Sonntagsruhe ans Herz. Sie gebe ihnen beispielsweise Zeit, über ihr Beziehungsleben und ihren Betrieb nachzudenken. Michael Ammich
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