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Leistungseinbußen

Milchviehhaltung - Verlusten auf die Schliche kommen

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Michael Ammich
am
30.04.2018

Die Werbetrommel rühren: In Schwaben nutzen erst wenige Landwirte das Projekt „Pro Gesund“.

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Wer schon einmal über unerklärliche Leistungsabfälle oder Kälberverluste in seiner Milchviehherde gerätselt hat, der weiß, wie schwierig es ist, den Ursachen auf die Schliche zu kommen. Ganz auf seinen Tierarzt und sich allein gestellt ist der Milcherzeuger hier jedoch nicht. Nimmt er mit seinem Betrieb am kostenlosen Projekt „Pro Gesund“ teil, kann er auf eine Fülle von Daten zurückgreifen, die gesundheitliche Entwicklungen in der Herde nachvollziehbar machen. Dennoch gibt es in Schwaben bisher nur wenige Betriebe, die sich dem Projekt angeschlossen haben. Grund genug für den Milcherzeugerring Wertingen und den Zuchtverband für das Schwäbische Fleckvieh, auf ihren Ausschusssitzungen in Gottmannshofen im Landkreis Dillingen kräftig die Werbetrommel für „Pro Gesund“ zu rühren.

Ringvorsitzender Franz Gerstmeier befand das Projekt für eine gute Sache. Es könne dem Milcherzeuger dabei helfen, die Nachhaltigkeit seiner Produktion und die Tiergesundheit in seinem Stall verantwortlich mitzugestalten. Außerdem lasse sich am Beispiel von „Pro Gesund“ der Gesellschaft gut vermitteln, warum das am Projekt maßgeblich beteiligte LKV vom Staat Finanzspritzen erhält.
Derzeit nehmen an „Pro Gesund“ 156 Tierärzte und 2837 Landwirte teil. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), des LKV, des Bundes praktizierender Tierärzte, des Fleischprüfrings Bayern, des Friedrich-Loeffler-Instituts, der bayerischen Landestierärztekammer und des Tiergesundheitsdienstes Bayern. Als Projektträger fungiert das bayerische Landwirtschaftsministerium.
Ein wenig enttäuscht war Dr. Martina Bechter vom LfL-Institut für Tierzucht, als auf ihre Frage, wer von den versammelten Ausschussmitgliedern sich an „Pro Gesund“ beteiligt, kein einziger Finger in die Höhe ging. Das Projekt könnte immerhin ein wichtiger Baustein der betriebsindividuellen Tiergesundheit sein. Bis heute wurden in seinem Rahmen 153 717 Diagnosen erstellt und 79 271 Beobachtungen durchgeführt. „Pro Gesund“ wartet mit verschiedenen Modulen auf, darunter eines für Kälberkrankheiten.

Krankheiten in der Aufzucht analysieren

Zwei Drittel der bei „Pro Gesund“ übermittelten Kälberkrankheiten entfielen auf Durchfälle, verursacht vor allem durch E. coli, Rota- und Corona-Viren, Salmonellen, Kryptosporidien und Kokzidien. Über „Pro Gesund“ erhält der Landwirt eine detaillierte Dokumentation, welcher Erreger in welcher Kälberlebensphase in welchem Umfang aufgetreten ist. Ebenso umfassende statistische Daten gibt es auch zur Kälbersterblichkeit. So lässt sich später gut nachvollziehen, warum die eine oder andere Kuh an Leistungsfähigkeit eingebüßt hat. Die „Kinderkrankheiten“ in der Kälberaufzucht haben nämlich einen entscheidenden Einfluss auf die biologische Leistung der späteren Kuh.
So erreichen Kühe, die als Kälber unter einer Krankheit litten, beispielsweise ein höheres Erstkalbealter. Im übrigen sei das Kälberkrankheiten-Modul auch eine gute Hilfe bei der Selektion, bestätigte Bechter. Um das Projekt „Pro Gesund“ noch leistungsfähiger zu machen, sollen die Gewinnung von Daten weiter ausgebaut, Schlachtbefunde integriert, Befunde von Besamungstechnikern aufgenommen und das neue Modul „Klauengesundheit“ installiert werden.
In ihrem Vortrag griff die LfL-Verterinärin auf die Erfahrungen eines Betriebs im Allgäu zurück, der mit Hilfe von „Pro Gesund“ seine massiv unter Mastitis leidende Milchviehherde sanieren konnte. Die Probleme dort begannen, als ein neuer Laufstall bezogen und der Bestand erweitert wurde. Es kam zu einer auffälligen Häufung von Totgeburten und Euterentzündungen. Die Tiere wiesen hohes Fieber, pralle Viertel und wässrig-seriöse Sekretveränderungen auf.
Die ersten therapeutischen Ansätze wie Infusionen liefen allein über den Hoftierarzt. Dennoch besserte sich die Lage kaum. Noch vor zwei Jahren waren 39 % der Kuhabgänge auf Mastitis zurückzuführen. Bis dahin wurden sowohl die Tiergesundheit als auch die Daten aus der Milchleistungsprüfung nur auf Papier dokumentiert, Auswertungen fehlten. Schließlich ermunterte der behandelnde Tierarzt die Betriebsleiter zur Teilnahme am Projekt „Pro Gesund“. Sie sollten es nicht bereuen.
Die akribische Dokumentation im Rahmen des Projekts führte dazu, dass die Milcherzeuger jetzt genauer hinsahen und sich ihr Bewusstsein für die hohen Erkrankungsraten schärfte. Sie vertieften die Vertrausensbasis und Zusammenarbeit mit ihrem Tierarzt, nutzten die grafisch unterstützten Auswertungen durch „Pro Gesund“ und entwickelten Lösungsansätze für die hohen Krankheitsraten. Seither ist die Zahl der Mastitisfälle in dem Allgäuer Laufstall rapide zurückgegangen.
„Pro Gesund“ half dabei, erst einmal festzustellen, ob es sich um Bestands- oder Einzeltierprobleme handelte. Nachdem festgestanden hatte, dass es ein Bestandsproblem war, wurden bakteriologische Untersuchungen durchgeführt, die Erreger gezielt behandelt und die Hygiene im Laufstall und beim Melken optimiert. Die Betriebsleiter achteten auf saubere und trockene Boxen, verbesserten die Euterhygiene und klopften den Melkstand auf Schwachstellen ab.
Überdies wurden in den Kuhrationen stark schwankende Energiegehalte ermittelt. Es ließen sich Hinweise auf Strukturmängel im Futter finden. Unter den Mängeln litten die Lebern der Kühe, wodurch wiederum ihr Immunsystem geschwächt wurde – mit der Folge sich häufender Euterentzündungen. Genau hingesehen wurde auch bei der Zitzenkondition der einzelnen Milchkühe. Oft waren die Zitzen rauh, trocken und von haarrissartigen Wunden überzogen. Die Betriebsleiter handelten konsequent und passten die Fütterung an die Leistung der Kühe an, die Mistmatratze in den Boxen erhielten weniger reizenden Kalk und die Desinfektion beim Melken, die für die trockenen Zitzen verantwortlich war, wurde reduziert. Durch die Optimierung der Hygienemaßnahmen verringerte sich auch die Kälbersterblichkeit.

Wieder mehr Freude an der täglichen Arbeit

Heute bekommen die Betriebsleiter die aktuellen Probemelkergebnisse zeitnah auf ihr Handy, auffällige Tiere lassen sich sofort erkennen. Die Rationsgestaltung wurde vereinheitlicht, die Energie- und Nährstoffversorgung gut abgewogen. So ist es ihrer Teilnahme an „Pro Gesund“ zu verdanken, dass die Betriebsleiter aus dem Allgäu nicht nur wieder eine leistungsstarke Milchviehherde haben, sondern auch einen auf ihren Betrieb zugeschnittenen Gesundheitsbericht und mehr Freude an der täglichen Arbeit. „Pro Gesund spart Arbeit, Zeit, Geld und Nerven“, schloss Bechter ihren Vortrag.

Vorstandschaften neu gewählt

Auf den konstituierenden Ausschusssitzungen in Gottmannshofen erfolgten auch die Vorstandswahlen. Als Vorsitzender des Milcherzeugerrings Wertingen wurden Franz Gerstmeier (Buchdorf) und als sein Stellverterter Hubert Sporer (Laugna) in ihren Ämtern bestätigt. Neu in den erweiterten Vorstand kam Christoph Stork (Schwabmühlhausen). Zum Vorsitzenden des Zuchtverbands für das Schwäbische Fleckvieh wurde Georg Kraus (Deubach), zu seinem ersten Stellvertreter Andreas Böhm (Oppertshofen) und zum dritten Stellvertreter Hans-Jürgen Dirr (Kissendorf) gewählt. „Damit haben wir Vorstandschaften gefunden, die ihr Handwerk verstehen“, beschloss Zuchtleiter Friedrich Wiedenmann die Wahlen.

Als Teamleiter der Milchleistungsprüfer gab Hermann Rager-Kempter bekannt, dass im Wertinger Ring derzeit 17 Leistungsoberprüfer und 84 Probenehmer aktiv sind. Sie betreuen für die LKV-Verwaltungsstelle Wertingen insgesamt 1187 Betriebe mit 70 621 Kühen, das sind 76 Betriebe mit 4636 Kühen pro Leistungsoberprüfer. Laut Michael Holand vom Fachzentrum Rinderzucht am AELF Wertingen sind im Gebiet des Zuchtverbands jeweils zwei Fütterungs- und Anpaarungsberater im Einsatz.

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