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Mir platzt der Kragen

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Externer Autor
am
06.05.2019

Von Artenvielfalt bis Wasserwirtschaft - es gibt viel Redebedarf beim Bäuerinnen- und Bauernabend in Biburg.

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Biburg/Lks. Augsburg Walter Heidl kam, sah – und musste viele Fragen beantworten. Wenn wir unseren Verbandschef schon einmal bei uns haben, dann wollen wir auch die Gelegenheit nutzen, ausgiebig mit ihm zu diskutieren, dachten sich die Augsburger Bäuerinnen und Bauern. Sie machten ihm unter anderem klar, wie satt sie es haben, als Sündenbock für gesellschaftliche und politische Versäumnisse herhalten zu müssen. Jetzt beleidigt in der Ecke zu schmollen sei jedoch das Schlechteste, was der bäuerliche Berufsstand tun könnte, sagte der BBV-Präsident auf dem Bäuerinnen- und Bauernabend in Biburg.

Reizthema Volksbegehren

Nach Grußworten der Augsburger Vizelandrätin und Ehrenkreisbäuerin Anni Fries sowie von Wolfgang Sailer, Behördenleiter des AELF Augsburg, sprach Heidl in seinem Vortrag zahlreiche Baustellen an, auf denen der Bauernverband für seine Mitglieder kämpft: Artenschutz, Klimaschutz, Rote Gebiete, Düngeverordnung, Tierwohldiskussion, Nachhaltigkeit, Flächenfraß, Dumpingpreise – alles Reizthemen, die manchem Versammlungsteilnehmer die Zornesröte ins Gesicht trieben. So hatte BBV-Kreisobmann Martin Mayr seine Mühe, in der Kürze der Zeit jedem das Wort zu erteilen, der seinem Ärger Luft machen wollte. „Für was legen wir eigentlich seit Jahren Blühstreifen an, wenn es die Gesellschaft offenbar gar nicht wahrnimmt?“, erregte sich ein Landwirt. „Aber groß das Volksbegehren unterschreiben und anschließend zum Discounter einkaufen gehen“, warf ein Berufskollege ein.
Ein weiterer Versammlungsteilnehmer empörte sich über ein Wildkräutersamenpäckchen, das er vom AELF zugeschickt bekommen habe. Das sei zwar an sich eine gute Idee, aber die Ausführungen auf dem Beiblatt, dass in den heimischen Äckern keine Wildblumen mehr wachsen, hätten ihn sehr verletzt. Es gehe nicht an, der Bevölkerung vorzugeben, sie müssten der heimischen Landwirtschaft mit dem Aussäen von Blumensamen dabei helfen, die Artenvielfalt zu erhalten.

Fachkenntnis ist wichtig

Die böswillige Irreführung der Bevölkerung mit dem Slogan „Rettet die Bienen“, kritisierte ein Imker und Landwirt. Er sei selbst drauf und dran gewesen, das Volksbegehren zu unterschreiben. Beim Durchlesen der Ausführungen habe er jedoch festgestellt, dass die Parole gar nicht zum Text passt.
„Jetzt glaubt jeder Städter, er müsse die Bienen retten, indem er ein Volk auf seinem Balkon postiert.“ Das könne schnell ein Schuss nach hinten werden, wenn die Bienen mangels fachlicher Kenntnisse erkranken und andere Völker anstecken. Heidl wies darauf hin, dass selbst der Vorsitzende des Deutschen Imkerbunds in den zahlreichen Hobbyimkern ein Problem sehe. „Es muss uns gelingen in der öffentlichen Diskussion den Finger in diese Wunde zu legen.“ Landwirte, Imker und viele andere seien nämlich Diejenigen, die etwas für den Erhalt der Artenvielfalt leisten. „Und dennoch müssen wir das Ergebnis des Volksbegehrens als Chance sehen“, so der Bauernpräsident.
Die Öffentlichkeitsarbeit sei wichtiger denn je, weil die durch NGOs und Medien geschürten Diskussionen immer wieder eskalierten. Der Runde Tisch sei ein bisher nie da gewesener Weg, 30 Vertreter in einen Dialog zu bringen. Das Volksbegehren war nicht das einzige Thema, das die Versammlungsteilnehmer umtrieb.

„Mir platzt der Kragen“

So ärgerte sich ein Landwirt über die Festlegung von Roten Gebieten. Dass in Abwässern nicht nur Wasser ist, sei ja hinlänglich bekannt. „Es kann aber nicht sein, dass wir Bauern für alle Einträge wie Nitrat, Hormone oder Arzneimittel hauptverantwortlich gemacht werden. Das halte ich nicht mehr aus, mir platzt langsam der Kragen.“ Der Bauernverband sei jetzt gefordert, die Öffentlichkeit über das teils schadhafte bayerische Kanalsystem zu informieren. „Die Kommunen wissen ganz genau, wo’s brennt.“
Weiter kritisierte er den massiven Einsatz von Streusalz auf den Autobahnen. „Das trägt sicher nicht zum Grundwasserschutz bei.“
Heidl stimmte dem Landwirt zu. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir auch die Wasserwirtschaft und das zuständige Umweltministerium in die Pflicht nehmen müssen, damit die Rote-Gebiete-Diskussion auf vernünftige Füße gestellt wird.“
In den Diskussionen um die Artenvielfalt und Düngeverordnung werde eines vergessen, nämlich dass Deutschland ein Exportland ist, gab ein Landwirt zu bedenken. Außerdem werde durch verschiedene Handelsabkommen der heimische Biomarkt unterlaufen. „Wenn wir glaubwürdig sein wollen, müssen wir Bio mit Regionalität verknüpfen.“, sagte Heidl.

Ausgleichsflächen für alle

Und mit einem Anflug von Ironie: „18% der Bevölkerung, die ökologisch produzierte Lebensmittel einkaufen, haben wir nach dem Volksbegehren ja bereits.“ Aus den Reihen der Versammlung wurde Unmut über den ungebremsten Flächenfraß laut. „Wenn ich auf meinem eigenen Grund einen Stall baue, muss ich Ausgleichsflächen schaffen“, sagte ein Landwirt und forderte, dass auch private Häuslebauer dazu verpflichtet werden. Bei Baugenehmigungen von Discountern müssten die Kommunen ebenfalls umdenken.
Weiter missbilligte er Berufskollegen, die nach einer Betriebsaufgabe ihre Flächen für Photovoltaikanlagen verpachten. Hier sei das Eingreifen des BBV gefragt. „Mit Blick auf den Flächenfraß sind im BBV-Forderungskatalog mehrere Punkte enthalten“, bekräftigte Heidl. Für den Bauernverband sei es tägliches Brot, sich für die passenden Rahmenbedingungen einer modernen und nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft in Bayern einzusetzen.
Der Bauernpräsident machte seinen Berufskollegen Mut. Sie sollten sich nicht von Vorurteilen in den Medien vor den Kopf stoßen lassen. Der Mainstream in den Medien sei das eine, die tatsächliche Haltung der Bevölkerung zur Landwirtschaft das andere. „Und diese ist bei weitem nicht so negativ, wie es bestimmte Kreise gerne hätten.“ Patrizia Schallert
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