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Schafhaltung

Naturschutz auch durch Fleischverzehr

Wanderschäfer
Michael Ammich
am
29.05.2017

Augsburg - Das Wochenblatt begleitet den Betrieb Hartl und seine Schafe beim Umzug auf die Sommerweide.

Fußgänger und Radfahrer bleiben stehen, Handwerker legen ihre Geräte zur Seite und hinter den Gartenzäunen staunen die Anlieger. Schnell greifen sie zu ihren Smartphones, um Fotos von dem schier endlosen Zug von Schafen, Lämmern und Ziegen zu schießen. Es ist ja auch nicht gerade alltäglich, wenn Schäfermeister Josef Hartl seine Tiere mitten durch Augsburg entlang des Lechs zu ihrer Sommerweide führt. In den Lechheiden sorgen die vierbeinigen Landschaftspfleger dafür, dass die wertvollen Biotope nicht verbuschen und die einzigartige Artenvielfalt erhalten bleibt.
Der Schaf-, Marktfrucht- und Futterbaubetrieb der Familie Hartl liegt bei Mühlhausen nahe am Augsburger Flughafen, doch irgendwie müssen die Schafe ja zu den Lechheiden gelangen. Also warum nicht auf dem kürzesten Weg über den Stadtteil Firnhaberau und den Lech entlang bis zum Kuhsee im Stadtteil Hochzoll, wo der breite Alpenfluss die Stadtkulisse von Augsburg erreicht und noch weiter südlich die offene Heidelandschaft beginnt. Mehr als zehn Kilometer sind es, die Josef Hartl, seine Schafe, Lämmer und Ziegen zurücklegen müssen, um an ihr Ziel zu gelangen. Gut drei Stunden dauert der Marsch, dann sind die Lechdämme erreicht, die bis hin zur Staustufe 23 zum Weiderevier des Schäfers im Naturschutzgebiet „Stadtwald Augsburg“ gehören. Bis Mitte Oktober werden die Tiere dort bleiben und gut 80 ha Biotopflächen abgrasen. Über die Nacht werden sie eingepfercht, mit den ersten Frösten und Schneefällen wandern sie wieder zurück in ihren Stall.

Direktvermarktung als „Lechtal-Lamm“

„Wenn wir mit unseren Schafen unterwegs sind, brauchen wir mindestens zwei Mann“, erklärt Christian Hartl, der den Betrieb im vergangenen Jahr von seinem Vater Josef übernommen hat. Einer führt die Schafherde an und bewacht sie, der andere baut die Pferche auf und ab und bringt Trinkwasser im Tank auf die Weide. Rund 500 Mutterschafe besitzt die Familie Hartl, doch allein von der Vermarktung des Lammfleisches könnte sie ihre Schafhaltung nicht profitabel betreiben. So ist sie auch auf die Gelder aus dem Vertragsnaturschutzprogramm angewiesen, die ihnen der Staat für ihre wertvolle landschaftspflegerische Arbeit bezahlt. Einen Einkommensschub erhoffen sich die Hartls von der Direktvermarktung, die sie derzeit aufbauen. Helfen soll ihnen dabei das Markenprogramm „Lechtal-Lamm“, das gemeinsam vom Verein „Lebensraum Lechtal“ und dem Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg betreut wird.
Schäfer, die nach den Richtlinien des Programms wirtschaften, verpflichten sich freiwillig zu hohen Naturschutz- und Tierwohlstandards. So müssen alle Schafe und Lämmer aus der Region stammen, es darf nur gentechnikfreies Futter aus dem eigenen Betrieb eingesetzt werden und die Tiere sind artgerecht zu halten. Das bedeutet beispielsweise, dass die Lämmer mit Muttermilch aufgezogen werden. Außerdem müssen sich die Schäfer zur Pflege der landschaftlich und naturschutzfachlich bedeutsamen Flächen im Lechtal verpflichten. Künftig bieten die Hartls im Ab-Hof-Verkauf Pakete mit ganzen oder halben Lämmern aus dem Lechtal-Programm an.
„Mit der Bevölkerung haben wir keine Probleme“, bekräftigt Christian Hartl. Na gut, ab und an beklagt sich jemand über die Hinterlassenschaften der Schafe auf den Wiesen und Wegen, räumt der 33-jährige Landwirt ein. „Aber die meisten Menschen freuen sich ganz einfach, wenn sie so nah bei der Großstadt eine Schafherde erleben.“ Auch Vater Josef ist mit seiner Arbeit als Hüteschäfer glücklich und zufrieden. „Und wenn es mal mit den Einnahmen nicht so gut läuft, denke ich mir trotzdem immer wieder: Es ist doch gut, dass Du Schäfer geworden bist.“ Treue Begleiter findet der 63-Jährige in seinen beiden Hunden, die er selbst aufgezogen und angelernt hat. „Ich würde niemals Hunde von anderen Schäfern nehmen.“
Viermal im Jahr zieht Josef Hartl mit seiner Herde durch Augsburg, immer am Lech entlang. Bereits seit 15 Jahren betreibt er diese Form des aktiven Naturschutzes im Auftrag des Landschaftspflegeverbands. Dessen Geschäftsführer Nicolas Liebig freut sich, dass jetzt wenigstens die Reste der Lechheiden, die in den vergangenen hundert Jahren noch übrig geblieben sind, ihren Charakter als offene Heidelandschaft bewahren können. Die Schafe verhindern das Aufkommen von Büschen und Bäumen, sie halten den Graswuchs im Rahmen und gewährleisten damit den Erhalt von wertvollem Lebensraum für Orchideen, Enziane, Heuschrecken, Schmetterlinge und viele andere selten gewordene Tier- und Pflanzenarten.

Naturschutzarbeit nicht zum Nulltarif

Aus ganz Süddeutschland waren über Jahrhunderte hinweg Schäfer mit ihren Herden nach Augsburg gezogen, um die Tiere auf den Lechheiden weiden zu lassen, erklärt Liebig. Schließlich saßen in der alten Fuggerstadt bedeutende Textilfabriken, die ihnen die Schafwolle abnahmen. Damit diese Tradition nicht untergeht, unterstützt der Landschaftspflegeverband die Schäfer bei der Akquise von Fördermitteln und der Vermarktung des Lammfleisches. Die Flächen auf den Lechheiden hat die Stadt zu einem annehmbaren Preis an den Betrieb Hartl verpachtet. Allerdings legt der Verband für den Schäfer naturschutzfachliche Richtlinien fest, an die er sich bei der Beweidung der Magerrasenbiotope halten muss. „Wir möchten erreichen, dass Landwirte, die sich für Naturschutz und Landschaftspflege engagieren, auch davon leben können“, sagt Liebig. Dabei spiele die Vermarktung des Lammfleisches eine wichtige Rolle. Im Jahr 2001 hat der Landschaftspflegeverband deshalb die Marke „Lechtal-Lamm“ auf den Weg gebracht. Allerdings war das Programm nahezu eingeschlafen, so dass jetzt über das Projekt „Weidestadt Augsburg“ ein neuer Anlauf unternommen wurde. Kompetente Unterstützung holte sich der Verband beim Freisinger Büro Ecozept und „ab jetzt kann wieder Lechtal-Lamm erworben werden“.
Doch allein die Lammfleisch-Vermarktung hält auch einen großen Hüteschäferbetrieb wie den der Familie Hartl nicht am Leben. „Wanderschäfer leisten für den Naturschutz eine ebenso harte wie wertvolle Arbeit“, betont Liebig. „Diese ist jedoch wirtschaftlich nur dann interessant, wenn der Schäfer staatliche Fördermittel aus dem Vertragsnaturschutzprogramm erhält.“ Und was kann der einzelne Bürger tun, um den Wanderschäfern zu helfen? Für Liebig ist die Sache klar: „Wir müssen das wichtigste Produkt des Schäfers, nämlich das Lammfleisch, kaufen und konsumieren. Naturschutz kann auch durch den Magen gehen.“

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