Login
Blühbotschafter

Naturschutz: Schickt uns keine Missionare

01blueh2
Lorenz-Munkler
am
09.09.2019

Der BUND Naturschutz bildet Blühbotschafter in Bad Grönenbach im Landkreis Unterallgäu aus.

01blueh3
Die Kluft zwischen Naturschützern und Landwirten ist so groß wie nie zuvor. Seit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ findet mancherorts ein regelrechtes Bauern-Bashing statt, da in erster Linie die Landwirte von den Naturschützern für das Insektensterben verantwortlich gemacht werden.
01Blueh1
Umso wichtiger ist der Dialog. Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Dialog war eine Veranstaltung des Bund Naturschutz in Bad Grönenbach. Im Rahmen der „Blühbotschafter-Ausbildung“ des Naturerlebniszentrums Immenstadt-Bühl waren der Leiter der Landwirtschaftsschule Immenstadt, Rainer Hoffmann, und der Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Unterallgäu, Jens Franke, als Referenten geladen, um zu berichten, was in der Landwirtschaft bereits gegen das Insektensterben gemacht wird und welche Möglichkeiten weiterhin bestehen.

Milchkühe brauchen hochwertiges Futter

Hoffmann betonte, dass es zahlreiche Landwirte gebe, die sich schon lange mit dem Thema Artenvielfalt befassen – und zum Beispiel mit Imkern zusammenarbeiten. „Wir sind im Grünland und da sind die Möglichkeiten, etwas zu tun, relativ begrenzt“, gab er zu bedenken. „Wir können Hecken und andere Strukturelemente schaffen und erhalten, über die Frequenz von Schnittelementen reden, Blühmischungen in Gräserbestände einsäen oder Blühstreifen um Äcker herum anlegen. Aber die Landwirte sind in erster Linie davon abhängig, qualitativ hochwertiges Futter in einer gewissen Konstanz zu ernten, da nur so die Kühe die Milchmenge haben, von der die Landwirte leben können.“
Manchmal nützten aber auch kleine Schritte, meinte er. Die Landwirte könnten „Inseln schaffen“. Hoffmann verwies auf die hohe Motivation seiner Studierenden. 2018 hätten diese auf der Allgäuer Festwoche das Projekt „Wir wirtschaften bienenfreundlich“ vorgestellt. Die angehenden Landwirtschaftsmeister hatten schon lange vor dem Volksbegehren Blühstreifen angelegt, Sonnenblumenstreifen am Acker gesät oder großflächige Bienenweiden auf Wiesen und Alpweiden angelegt. Die Rückmeldungen seien sehr positiv gewesen, auch bei den Berufskollegen. Die Landwirtschaftsschüler hätten auch Blühmischungen auf dem Kemptener Wochenmarkt verteilt, um Nichtlandwirte zu motivieren, ebenfalls etwas zu tun. „Wir brauchen ein Miteinander. Die Landwirte brauchen wieder mehr Akzeptanz, wenn wir nicht wollen, dass immer mehr aufhören. Verpachten und verkaufen von landwirtschaftlichen Flächen ist derzeit wirtschaftlich rentabel und es gibt viele Interessenten. Wir müssen im Dialog bleiben, anstatt uns gegenseitig zu beschuldigen“, sagte Hoffmann.
Auch Jens Franke, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Unterallgäu, betonte: „Die Bauern sind bereit mitzumachen! Wir brauchen ein positives Miteinander. Wir können über alles reden, aber schickt uns keine Missionare.“ In seinem Verband arbeiteten Naturschutz, Biologen, Kommunen und Landwirte Hand in Hand. Es komme immer darauf an, wie man miteinander spreche. Ob man konfrontativ ein Gespräch beginne oder ob man das Gemeinsame suche. „Ganz viele Landwirte rufen bei uns an und fragen, ob wir Tipps für insektenfreundliches Wirtschaften geben können. Dafür sind wir da. Das ist die Aufgabe eines Landschaftspflegeverbands. Pflege und Entwicklung der Landschaft.“

Viele Pflanzen brauchen eine Bewirtschaftung

Schon vor sechs Jahren sei der LPV Unterallgäu auf die Idee gekommen, artenreiches Grünland zu erhalten und diese Artenvielfalt in nutzungsgeprägtes Grünland zu bringen. Also in Grünland das aus einer historischen Nutzung hervorgegangen ist.
Zunächst habe man die Literatur zur Ökologie von Wildpflanzen, die Bienen und Schmetterlingen nützlich sind, studiert. Wo kommen diese Pflanzen vor, in welchen Gesellschaften leben sie, in welchem Maß sind sie Nektar- oder Pollenspender. Daraus habe sich folgendes Bild ergeben: Von den 3438 verschiedenen Pflanzenarten in Bayern gibt es eine ganze Reihe, die eine bewirtschaftete Landschaft brauchen. Genau genommen sind das bayernweit 1200 Pflanzen, 467 im Unterallgäu. Also ein Drittel der in Bayern vorkommenden Pflanzen ist abhängig von der Grünland-Bewirtschaftung. „Das bedeutet: Wenn ich als übergeordnetes Ziel Biodiversitätsschutz habe, dann trägt die Grünlandnutzung dazu bei“, sagte Franke.
Auch bei der Arten-Zusammensetzung im Grünland gebe es keine guten oder schlechten Pflanzen. In einer intensiv genutzten Löwenzahnwiese gibt es maximal 18 verschiedene Pflanzenarten. Der Löwenzahn sei eine sehr gute Nektarquelle für Insekten. Nur leider viel zu kurz vorhanden. Deshalb heiße es mehr Pflanzen in diese intensiven Areale zu bringen.
Wie das geht? Franke nannte ein Beispiel. Auf einer Wiese in Amberg habe man unter einem alten Kurzwellensender aus den 1970er Jahren einen sehr kräuter- und blütenreichen, grasarmen Bestand entdeckt. Mit 94 verschiedenen Pflanzenarten, 80 davon blühen im Juni/Juli, gemäht wird nur einmal Ende Juli, gedüngt nie. „Diese Artenvielfalt wollen wir auch auf die anderen Wiesen zurückbringen. Deshalb sammeln wir dort autochthone Samen ein, die wir andernorts wieder ausbringen“, so Franke. Die Maxime laute dabei immer, die Spenderflächen nicht zu erschöpfen.
Man brauche aber auch die Insekten, damit die Pflanzen bestehen bleiben. Manche Pflanzen könnten nur von bestimmten Insekten bestäubt werden. „Es gibt kein tiergenaues autochthones Saatgut auf dem Markt, deshalb produzieren wir es selbst“, erklärte Franke. Das EU-geförderte Leader-Projekt heiße „100 Auen – 100 Arten“ und habe zum Ziel, einheimisches Saatgut zu gewinnen und es wieder in die Fläche zu bringen. Nach dem Motto: „Neue Chancen für alte Wiesen und ihre Insekten.“
„Wie finden die Mitarbeiter des LPV diese artenreichen Wiesen?“, wollte ein Zuhörer wissen. Franke: „Wir kennen die Vertragsnaturschutzflächen und haben die Flachlandbiotopkartierung ausgewertet mit einem respektablen Ergebnis: Wir haben jetzt im Landkreis 114 Wiesen mit ungefähr 160 Hektar, die unseren Anforderungen genügen. Sie beherbergen 30 bis 40 Arten und dienen uns als Spenderflächen. Die Ernte komme auf eine Empfängerfläche, also eine intensiv genutzte landwirtschaftliche Fläche, als Grünstreifen oder als Ausgeichsfläche.
Meist würden in der Empfängerfläche ein Streifen quer zur Bewirtschaftungsrichtung gefräst und dort die Samen eingebracht. „Durch das Kreiseln beim Heuen fliegen die Samen dann langfristig in die restliche Fläche. Unsere Landwirte machen da gerne und begeistert mit.“

Ernten mit „Wiesefix“, einer Spezialmaschine

Zum Ernten der Samen wurde eine spezielle Samensammelmaschine konstruiert: „Wiesefix“. Damit können großflächig Samen eingesammelt werden. Dann wird entweder der Grünmulch direkt auf der Empfängerfläche ausgebreitet oder die Samen werden in der Heukammer getrocknet, gereinigt, gesiebt und in Säcken gelagert. „Im Moment tüfteln wir noch an einer Sämaschine für die gleichmäßige Ausbringung des Samengemisches“, berichtete Franke.

Den angehenden Blühbotschaftern gab er mit auf den Weg: „Wir müssen der Öffentlichkeit klar machen, dass es beim Artenschutz nicht nur um die Honigbiene geht. So wurde zum Beispiel festgestellt, dass Mauerbienen den Honigbienen auf Blüten ausweichen. Deshalb sollte in Naturschutzgebieten und deren unmittelbarer Umgebung vom Aufstellen von Honigbienenvölkern abgesehen werden, da diese wichtige Rückzugsgebiete für seltene und spezialisierte Wildbienenarten darstellen.“

Auch interessant