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Pflanzenkohle

Neuer Anlauf für uralte Idee

Biomassehof Kempten
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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
22.06.2017

Kempten - Pflanzenkohle wird von Urvölkern schon seit Jahrhunderten genutzt, um Böden produktiver zu machen. Der Allgäuer Biomassehof in Kempten sieht darin großes Potenzial für die Landwirtschaft und es passt gut ins eigene Sortiment.

Pflanzenkohle

Pflanzenkohle ist keine neue Erfindung“, stellt Dr. Stefan Thiemann, Berater am Biomassehof Allgäu, klar. Als Geograf war Thiemann 15 Jahre in der Entwicklungshilfe überwiegend in Ost- und Südafrika unterwegs und beschäftigte sich dabei intensiv mit den Themen Ressourcen- und Wassermanagement. „Da bin ich auch mit der Pflanzenkohle in Berührung gekommen“, erklärt der gebürtige Kemptener, der vor drei Jahren in seine Heimatstadt zurückgekehrt war und seit dem Frühjahr 2017 Allgäu-weit als Berater zum Thema Pflanzenkohle im praktischen Einsatz in der Landwirtschaft tätig ist.
Während seiner Zeit als Entwicklungshelfer weckte besonders die sogenannte TerraPreta-Erde sein Interesse, die im Amazonas-Gebiet nahe den Siedlungen von Ureinwohnern gefunden wurde: „In den Tropen sind die Böden eigentlich arm an Nährstoffen und der Boden hat einen geringen Humusaufbau.“ Eben nahe diesen Siedlungen wies der Boden jedoch eine mehrere Meter starke Humusschicht auf.

Meterhohe Humusschichten

Hackschnitzelkohle

Wissenschaftler fanden heraus, dass die Indianer in diesen Gebieten die Böden über Jahrhunderte sowohl mit organischen Abfällen als auch mit Pflanzenkohle angereichert hatten und sehr hohe Erträge von diesen Böden ernten konnten.
„Die Forscher entdeckten dabei aber auch, dass die mögliche Bandbreite an Einsatzgebieten der Pflanzenkohle enorm ist“, erklärt Thiemann. „In den letzten 15 Jahren haben vor allem die Schweizer da viel vorangetrieben und untersucht.“
Auch in Zusammenarbeit mit ostdeutschen Milchviehbetrieben seien hier über die Jahre viele Versuche durchgeführt worden. „Auf diese Erfahrungswerte stützen wir uns“, erklärt der Allgäuer, der den Einsatz von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft hier in die Region etablieren möchte.
Für Thiemann passt die Pflanzenkohle perfekt als Ergänzung zu den bisher vom Biomassehof angebotenen regionalen Produkten wie Scheitholz, Pellets und Hackschnitzel: „Bisher handeln wir die Pflanzenkohle nur, möchten aber gerne ab dem kommenden Jahr auch selbst produzieren.“ Diese könnte dann unter anderem aus der betriebseigenen Biomasse hergestellt werden.
Thiemann sieht für die Pflanzenkohle vielfältige Anwendungsgebiete in der Landwirtschaft und erklärt das Prinzip: „Die haben die gleiche Wirkung wie Kohletabletten gegen Durchfall, die man in der Apotheke kaufen kann: Pflanzenkohle besitzt eine sehr hohe Absorptionsfähigkeit – ein Gramm Pflanzenkohle hat eine Oberfläche von  200 bis zu 500 m² und kann das fünffache ihres Eigenvolumens an Wasser aufnehmen.“

Pflanzenkohle nimmt auch Gifte auf

Der Pflanzenkohle-Experte glaubt dabei auch an den Einsatz in der Fütterung von Nutztieren. „Damit könnten wir auf natürlichem Wege die klassischen Probleme der Landwirtschaft in den Griff bekommen.“ Im Fokus sieht er dabei Herausforderungen wie hoher Medikamenteneinsatz, Klauen- und Euterprobleme und hohe Zellzahlen. „Die Milchkühe sind durch die intensive Fütterung häufig übersäuert. Die Pflanzenkohle ist dagegen basisch und in der Lage, Giftstoffe aufzunehmen.“

Fütterungsversuche bei Milchvieh

Fütterungsversuche bei Milchvieh hätten gezeigt, dass die Zellzahlen durch die Zufütterung von Pflanzenkohle und in der Folge auch die Tierarztkosten deutlich gesenkt werden können. Um hier weitere Ergebnisse zu bekommen, arbeitet der Biomassehof Allgäu inzwischen mit landwirtschaftlichen Partnerbetrieben zusammen, die die Kohle in unterschiedlichen Bereichen anwenden und ihre Erfahrungen dokumentieren.
Dabei werden Ammoniakgehalte und Stallfeuchte untersucht, die Zellzahlen gemessen und die Veränderung der Versuchsflächen in Sachen Boden und Pflanzenwachstum untersucht. Ein Tierarzt begleitet den Versuch während seiner gesamten Dauer. Zum Spätsommer sollen erste Versuchsergebnisse veröffentlicht werden.
Für Rinder wird die Zufütterung von 100 g Kohle je Kuh und Tag empfohlen. Bezogen werden kann die Pflanzenkohle über den Biomassehof als 300 kg-BigBag zu 416,50 € (inkl. MwSt.). Für die Fütterung eignet sich Kohle aus Heilkräutern und Getreide­spelzen, die fein genug sind um problemlos mitgefressen zu werden, jedoch aber grob genug, um nicht durch das Raufutter zu rieseln.
Dagegen ist gemahlene Kohle aus Heilkräutern ideal für Jungtiere, da sie fein genug ist, um in die Milch eingerührt zu werden. Denn gerade bei Kälberdurchfall konnten laut Thiemann positive Effekte beobachtet werden: „Die kranken Kälber bekommen täglich 50 Gramm Pflanzenkohle in die Milch und nach zwei Tagen ist der Durchfall weg.“ Gemahlene Heilkräuterkohle kann in 10-Liter-Gebinden – entspricht 3,4 kg – bezogen werden. Der 10-l Eimer kostet 35,70 € (inkl. MwSt.).

Kohle verhält sich wie Ballaststoffe

Thiemann rät aber davon ab, Tiere durchgehend mit Pflanzenkohle zu füttern: Denn die Kohle nimmt neben Giftstoffen auch Nährstoffe mit auf. „Nach10 Tagen Zufütterung sollte man deswegen wieder fünf Tage Pause einlegen, um den Organismus nicht zu belasten.“ Generell verhalte sich die Kohle im Organismus wie Ballaststoffe.
Thiemann stellt aber auch klar, dass es zur Fütterung von Pflanzenkohle aktuell noch keine Gesetzgebung gebe. Erlaubt werde der Einsatz aber durch die Richtlinie der EU-Bioverordnung und auch der Bioland-Verband erlaube das Füttern von Kohle. Der Fachmann rät aber, den Einsatz beispielsweise mit den jeweiligen Kontrolleuren der Anbau-Verbänden abzuklären: „Aktuell ist es noch eine gesetzliche Grauzone.“ Explizit erlaubt ist die Kohle dagegen im Einsatz in Biogasanlagen, der Gülle und in Einstreu.

Fäulnis und Ammoniak werden reduziert

In der Einstreu wirkt die Kohle als Saugmedium für den Urin: „Ammoniak-Ausdünstungen entstehen, wenn sich der bakterienreiche Kot mit dem nährstoffhaltigen Urin vermischt. Die Pflanzenkohle hat dabei in der Einstreu den Vorteil, dass sie große Mengen an Urin binden kann.“ Ein Liter Pflanzenkohle könne demnach bis zu fünf Liter Feuchtigkeit inklusive der Nährstoffe aufnehmen. „Die Bakterien aus dem Kot bekommen dadurch sehr viel weniger Nährstoffe aus dem Urin. Damit reduziert sich der Fäulnisprozess und die Ställe werden trockener und stinken weniger.“
Weniger Geruchsbelastung entstehe auch beim Zusetzen der Kohle in die Gülle. „Dadurch ändert sich der Fermentierungs-Prozess und die Gülle stinkt nicht mehr. Anders als bei der Fütterung kann hier gröbere Kohle verwendet werden. Hier eignen sich beispielsweise verkohlte Hackschnitzel, die als 1000 l-BigBag zu 476,50 € (inkl. MwSt.) erhältlich sind.
Der Fachmann empfiehlt die Zugabe von 10 l Pflanzenkohle pro Kubikmeter Gülle sowie 60 l je Kubikmeter Festmist. Thiemann rät zudem dringend, die Kohle mindestens vier Wochen vor Ausbringung in die Gülle zu geben: „Die Kohle ist wie ein Schwamm und muss sich erst vollsaugen – wenn sie zu früh aufs Feld kommt, saugt sie sich auf dem Feld mit den Nährstoffen und dem Wasser des Bodens voll und entzieht es den Pflanzen.
Bei korrekter Anwendung sieht Thiemann viel Potenzial für die Kohle auf den Allgäuer landwirtschaftlichen Flächen: „Pflanzenkohle bindet das Nitrat der Gülle und reduziert dadurch die Auswaschung erheblich.“ Zudem könnten sämtliche Nährstoffe gespeichert und Verdunstungsverluste minimiert werden. Dadurch erreiche man einen wesentlich höheren Dünge-Effekt und die Nährstoffe sowie das Wasser sind länger und gleichmäßiger für die Pflanzen verfügbar.
Eine einmalige Zugabe reiche aber nicht aus: „Im Idealfall wird die Kohle über Jahre permanent eingesetzt – die arbeitet sich dann in den Boden ein und baut den Humus und die Speicherkraft nach und nach auf.“

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