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Landentnahme

Notfalls auf Enteignung ankommen lassen

Michael Ammich
am
01.06.2017

Gremheim - 1800 Hektar Bauernland im Landkreis Dillingen sind in der geplanten Gebietskulisse für Flutpolder.

Na und, dann fließt eben einmal in 100 Jahren das Hochwasser über die Wiesen und Felder, wen juckt’s? Schließlich erhalten ja die betroffenen Bauern einen finanziellen Ausgleich für ihre Überschwemmungsschäden und die Grunddienstbarkeit. Philipp Uhl schüttelt den Kopf. So einfach ist das nicht. Der Gremheimer Landwirt fragt sich nämlich, woher er und seine Berufskollegen das Futter für ihre Milchkühe nehmen sollen, wenn der Grünlandaufwuchs nach dem Ablassen des Polders mit Schadstoffen belastet ist? Wer wird ihre Milch und ihr Getreide noch kaufen, wenn darin gesundheitsgefährdende Rückstände nachgewiesen werden? Und das ist noch lang nicht alles, was die Gremheimer und Blindheimer Bauern beim Gedanken an den geplanten Flutpolder die Faust in der Hosentasche ballen lässt.
Philipp Uhl und seine Ehefrau Erna bewirtschaften im Haupterwerb einen Milchviehbetrieb mit 60 ha Nutzfläche. Im Stall stehen allerdings nur mehr 13 von ursprünglich mehr als 30 Kühen, weil die Milchviehhaltung auf absehbare Zeit auslaufen wird. Andere Bauern im Dorf haben ihre Kuhbestände jedoch aufgestockt und sind auf das Grünfutter aus dem Donauried zwischen Gremheim im Norden und Pfaffenhofen im Süden angewiesen. Und genau dort, in der Flur „Neugeschüttwörth“, plant die bayerische Staatsregierung einen Flutpolder, der die Unterlieger künftig vor den gefürchteten Donauhochwassern schützen soll.
Stolze 1800 ha soll die Gebietskulisse des Polders einst umfassen, dazu kommen noch Damm-, Ein- und Auslaufbauwerke. Allein der Polderdamm, der teils entlang der Kreisstraße zwischen Gremheim und Pfaffenhofen verlaufen soll, bemisst sich auf eine Länge von rund 4 km. Die Dimensionen des gigantischen Projekts machen den Bauern Angst und Bange, es geht um ihre Existenz.
Allein Philipp Uhl, der die Anliegen seiner Berufskollegen als Ortsobmann von Gremheim vertritt, bewirtschaftet im geplanten Poldergebiet 19 ha Grünland, davon befinden sich 5 ha in seinem Eigentum, die restlichen Flächen hat er gepachtet. Ein gutes Drittel seiner gesamten Nutzfläche liegt also in der Polderkulisse. „Aber das ist noch gar nichts“, sagt der 62-Jährige. „Manche Kollegen am Ort haben dort 90 Prozent ihrer Flächen.“ Insgesamt seien 70 Grundbesitzer, Verpächter und Pächter unmittelbar vom Polder betroffen – „also fast jeder Landwirt hier“. Das wundert nicht, denn das Hochwasserschutzbauwerk würde rund 1800 ha Bauernland schlucken, meist gute Böden mit Richtwerten von 50 bis 60.

Wir brauchen jeden Quadratmeter

Dazu kommt, dass es auf der Gemarkung Gremheim 105 ha Schutzgebiete gibt, von denen wiederum 90 % im Polderbereich liegen. Diese dürfen nur extensiv bewirtschaftet werden. Fläche ist also knapp und sie ist umso knapper geworden, als Biogasanlagen und neu gebaute Milchviehställe lebhaft um sie konkurrieren. „Wir brauchen hier in Gremheim jeden Quadratmeter Grün- und Ackerland“, versichert Uhl. Deshalb werde auch kein Gremheimer Bauer freiwillig Flächen für den Bau von Dämmen und der Ein- und Auslaufbauwerke herausrücken, sondern es notfalls auf eine Enteignung ankommen lassen.
Dass die Staatsregierung den Bauernfamilien einen hundertprozentigen Ausgleich für die Schäden durch eine Polderflutung und eine Einmalzahlung von 20 000 € pro Hektar für die Grunddienstbarkeit zugesichert hat, ist für Uhl und seine Kollegen kein Trost. Bei den Verpächtern, die nicht reinvestieren können, hole sich der Staat über das Finanzamt einen großen Teil der 20 000 € wieder zurück. Und für die aktiven Landwirte befürchtet Uhl einen Rattenschwanz von immer neuen Auflagen, die mit der Bewirtschaftung ihrer Polderflächen verbunden werden könnten. Wohl nicht ganz zu unrecht, wenn man an die Engelszungen denkt, mit denen die Politik auf die Landwirte bei der Ausweisung von FFH-Gebieten eingeredet hat. „Ich jedenfalls durfte im FFH-Gebiet keine Wiese mehr umbrechen“, bestätigt Uhl. Vorerst jedoch ist den Bauern zugesagt, dass sie auf ihren Polderflächen wie gewohnt weiterwirtschaften können. Verboten bleibt die Bebauung. „Aber im Polder haben wir ohnehin keine Flächen, die für Baumaßnahmen interessant wären“, sagt Uhl.
Ihn drücken noch ganz andere Sorgen. Bisher hatten die Riedbauern nur unter dem Riedstrom zu leiden, der es höchstens auf ein 20-jähriges Hochwasser brachte. Droht aber ein HQ 100 und der Poldereinlauf wird geöffnet, werden sich ganz andere Fluten über ihre Äcker und Wiesen wälzen. Sie werden Sedimente und anderen Schmutz mit sich führen, der sich auf den Flächen ablagert, wenn der Polder wieder ausgelassen wird. Mit derart verdrecktem, belastetem Grünland lässt sich kein Grundfutter mehr erzeugen, erklärt Uhl. „Wer kommt für die Folgen auf, wenn unsere möglicherweise belastete Milch keine Molkerei und unser Getreide keine Mühle mehr abnehmen will? Woher sollen wir die riesige Menge an Futter holen, die plötzlich fehlt? Da hilft uns auch eine 100-prozentige Entschädigung nichts, wir können unsere Tiere ja nicht verhungern lassen.“ Außerdem gelte die Entschädigungszusage vorerst nur für vier Jahre, danach werde der Boden regelmäßig auf Belastungen kontrolliert.
Der Ortsobmann spricht ein weiteres Problem an: Was helfen den Bauern auf Dauer die 20 000 € Entschädigung für die Polder-Grunddienstbarkeit, wenn ihre Felder an Wert verlieren und sich nicht mehr verkaufen lassen? Das betreffe nicht nur die unmittelbar im Polder gelegenen, sondern auch die angrenzenden Flächen. Wird der Polder bei einem 100-jährigen Hochwasser geflutet, so steigt der Grundwasserspiegel an und auch die umliegenden Felder werden vernässt, befürchtet Uhl. Auch aus Naturschutz-Sicht spreche Einiges gegen den Polder. Dort befinden sich nämlich Wiesenbrütergebiete, in denen auch der Brachvogel heimisch ist.
Andere Möglichkeiten ausloten
Bevor ein derart groß dimensionierter Flutpolder eingerichtet wird, gelte es, erst einmal andere Möglichkeiten des Hochwasserschutzes auszuloten, fordert Uhl. Dazu gehöre ein optimiertes Management der zahlreichen Staustufen an der Donau. Sobald die Gefahr eines starken Hochwassers droht, könnte man die großen Stauseen ablaufen lassen, sodass sie die andrängenden Wassermassen aufzunehmen vermögen. Zusätzliches Rückhaltevolumen ließe sich durch ein Ausbaggern der teils massiv verschlammten Stauseen schaffen. Und überhaupt: Vor einer gezielten Überschwemmung von landwirtschaftlichen Flächen müsse zuerst der Gremheimer Auwald der Bayerischen Staatsforsten als Rückhalteraum genutzt werden. Dieser sei nämlich durch die Anlage der Staustufen mittlerweile trockengefallen.

Wir wehren uns mit Händen und Füßen

Weiter fordert Uhl die Rückverlegung der vorhandenen Dammbauwerke entlang der Donau, um dem Fluss mehr Raum zu geben. An den Nebenflüssen wie Iller, Lech, Glött, Zusam oder Klosterbach könnten zusätzliche Retentionsräume geschaffen werden. „Klar, das würde den dortigen Landwirten nicht gefallen“, weiß Uhl. „Aber warum sollten wir Gremheimer und Blindheimer Bauern allein die ganz Last des Hochwasserschutzes schultern, wenn andere hier auch etwas unternehmen könnten?“ Und nicht zuletzt gelte es, in Neubaugebieten mehr darauf zu achten, dass möglichst wenig Flächen versiegelt und Sickerschächte eingerichtet werden, damit das Wasser im Boden versickern kann. Und was, so Uhl, gar nicht geht: Der Bau von Gewerbegebieten in hochwassergefährdeten Bereichen, so wie es die Stadt Donauwörth zugelassen habe.
Philipp Uhl und seine Frau Erna hoffen, dass ihr Schwiegersohn An­dreas ihren Betrieb übernimmt. Aber auch Andreas mache sich schon Gedanken über die Flächen, die der Betrieb in der Polderkulisse hat. In seinem eigenen Betrieb sind ja selbst viele Felder unmittelbar vom Polder bedroht. „Uns Gremheimer und Blindheimer Bauern bleibt also am Ende nichts anderes übrig, als uns mit Händen und Füßen gegen den Polder und die damit verbundenen Bauwerke zu wehren“, sagt Uhl. „Wir geben auf keinen Fall auf.“

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