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Naturschutz

Nur heimische Gewächse erlaubt

Autochthone Gehölze
Michael Ammich
am
02.10.2017

Leipheim - Ab dem Jahr 2020 darf man in der freien Natur nur noch autochthone Gehölze pflanzen. Baumschulen und Erzeugergemeinschaften sind darauf vorbereitet.

Auf einer Ausgleichsfläche oder am Straßenrand im Außenbereich eine amerikanische Schwarznuss oder einen asiatischen Lebensbaum setzen? Das war einmal. Ab dem Jahr 2020 dürfen in der freien Natur ohne Ausnahmegenehmigung nur mehr autochthone Gehölze angepflanzt werden, also Bäume und Sträucher, die in der entsprechenden Region natürlich vorkommen. Auf diese Vorgabe des Bundesnaturschutzgesetzes müssen sich nicht nur die Straßenbauämter und Kommunen einstellen, sondern auch die Baumschulen. Hermann Haage, Inhaber der gleichnamigen Baumschule in Leipheim, hat die Weichen schon seit Jahren in diese Richtung gestellt. Jährlich produziert er rund 300.000 autochthone Sträucher und bis zu 5.000 autochthone Bäume.

So spielten die gesetzlichen Vorgaben auch auf der „horti regio“ auf dem Gelände der Baumschule Haage, einer der größten Fachmessen für den Forst und Gartenbau im süddeutschen Raum, eine wichtige Rolle. An einem eigenen Stand präsentierte sich die Erzeugergemeinschaft für Autochthone Baumschulerzeugnisse in Bayern (EAB) den mehr als tausend Fachbesuchern aus der „Grünen Branche“.

Gemeinsam mit der Erzeugergemeinschaft Zertifizierte gebietsheimische Gehölze Baden-Württemberg (EZG) bietet die EAB insgesamt 27 Baumschulen ein organisatorisches Dach für die Produktion und Vermarktung autochthoner Gehölze. „Der Hauptmarkt unserer Mitglieder für den Absatz autochthoner Gehölze ist mit 75 Prozent das Straßenbegleitgrün“, erklärt EAB-Vorsitzender Wilhelm Hörmann aus Schrobenhausen. Die restlichen 25 % der einheimischen Bäume und Sträucher werden der öffentlichen Hand für Pflanzmaßnahmen auf Ausgleichsflächen, für Aufforstungen oder die Begrünung von Waldrändern angedient.

Die EAB dokumentiert den gesamten Prozess der Zertifizierung und Produktion der Gehölze. So können die Mitgliedsbetriebe gegenüber ihren Marktpartnern auf überprüfte und anerkannte Erntebestände verweisen, die EAB erfasst die Erntebestände an Baum- und Strauch­samen in einem eigenen Ernteregister und führt mit den naturschutzfachlichen Stellen eine Eignungsprüfung durch, sie holt naturschutzrechtliche und privatrechtliche Genehmigungen ein und beauftragt autorisierte Erntebetriebe mit der Samenernte. Unabhängige Auditoren überprüfen die Erntemengen. Weiter gewährleistet die EAB, dass die Verschulung der Jungpflanzen ausschließlich unter Standortbedingungen erfolgt, die mit dem Endstandort vergleichbar sind. Über ein Registerzeichen lässt sich jede Partie bis zum Erntebestand zurückverfolgen.

Autochthone Gehölze immer gefragter

Die Zertifizierung selbst erfolgt durch das LKP und das Zertifizierungsbüro Waldenmaier in Kronwinkl bei Landshut. EAB-Geschäftsführer Christoph Zirnbauer verweist auf das „Alleinstellungsmerkmal“ der bayerischen Erzeugergemeinschaft: „Bereits 518 unserer Spenderflächen für die Strauch- und Baumsamen sind vom Bayerischen Landesamt für Umwelt in Augsburg anerkannt.“

„Die Nachfrage nach autochthonen Gehölzen steigt“, erklärt Baumschulinhaber und EAB-Vizevorsitzender Hermann Haage. „Jahr für Jahr steigern wir unseren Verkauf von autochthonen Gehölzen um bis zu 15 000 Stück.“ Da kann es schon mal zu Engpässen kommen, sagt seine Tochter und Geschäftsführerin Dr. Kristina Haage. Das gilt insbesondere dann, wenn die wachsende Nachfrage auf ein schwaches Erntejahr trifft, in dem die Bäume weniger Samen entwickeln. Für die Samenernte ist die Baumschule Haage auf Spenderflächen angewiesen, die sie beispielsweise im Staats- und Privatwald pachtet. Dort werden die Samen von Beerensträuchern per Hand gepflückt oder von Bäumen in ausgelegten Netzen gesammelt. Um die Fichten- oder Tannensamen zu ernten, muss zuweilen auch ein Zapfenpflücker die hohen Bäume erklimmen. Die Spenderflächen werden von den Unteren Naturschutzbehörden ausgewiesen. Weder darf durch sie eine Straße führen noch eine Bebauung in der Nähe sein, um das Ernten von nicht autochthonen Samen zu vermeiden. Wie das autochthone Saatgut müssen auch die Spenderflächen zertifiziert sein.

Nach dem Forstlichen Saat- und Pflanzgutgesetz war es in Deutschland bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nicht erlaubt, gebietsfremdes forstliches Saatgut in den Verkehr zu bringen. Am Beispiel der Fichte erklärt Hermann Haage, warum das so ist: „Aus norddeutschen Fichtensamen wachsen breitere und massigere Bäume als aus süddeutschen Samen. Würde eine norddeutsche Fichte im Allgäu stehen, dann brächte sie schon der erste starke Schneefall zum Bruch.“ Außerdem soll das Forstliche Saat- und Pflanzgutgesetz einer Verfälschung der heimischen Flora durch die Einkreuzung von gebietsfremden Pflanzen vorbeugen. Zwar dürfe jeder private Waldbesitzer in seinem Forst anpflanzen, was er will, so Haage. Die Baumschulen jedoch würden sich nach dem Gesetz strafbar machen, wenn sie den Waldbesitzern nicht autochthone Gehölze verkaufen. Deshalb hält sich Haage eisern an das geltende Recht, wenn er die schwäbischen forstlichen Zusammenschlüsse mit seinen Pflanzen beliefert.

Schon seit Tausenden von Jahren im Gebiet

Für den Leipheimer Baumschulunternehmer bedeutet der Begriff „autochthon“, dass die Gehölze „schon seit Tausenden von Jahren ohne Eingriff des Menschen in einem bestimmten Gebiet gewachsen sind“. Auch für Haage ist das Straßenbegleitgrün ein wichtiger Markt. So stammen die Gehölze für das Begleitgrün beim sechsspurigen Ausbau der Autobahn A 8 auf der gesamten Strecke zwischen Günzburg und Augsburg aus der EAB Bayern. Ein Viertel der Bäume und Sträucher wurde auf der 120 ha umfassenden Baumschulfläche in Leipheim aus autochthonem, zertifiertem Saatgut herangezogen.

Bei der Produktion von autochthonen Bäumen und Sträuchern bleibt Hermann Haage seiner Devise treu: Das Saatgut für sein Unternehmen darf nur aus Süddeutschland stammen. Dem Baumschulbesitzer fiele es – obwohl gesetzlich erlaubt – gar nicht erst ein, Gehölzsamen beispielsweise aus der Eifel zu holen, die Bäumchen in Leipheim aufzuziehen und die jungen Pflanzen dann wieder in die Eifel zu verkaufen. „Wir beschränken uns auf Samen aus Bayern und Baden-Württemberg. Das Kulturgut Pflanze soll hier in der Region produziert werden.“

In Deutschland sechs Vorkommensgebiete

In Deutschland gibt es sechs Vorkommensgebiete für gebietsheimische Gehölze: Norddeutsches Tiefland, Mittel- und Ostdeutsches Tief- und Hügelland, Südostdeutsches Hügel- und Bergland, Westdeutsches Bergland und Oberrheingraben, als fünftes Gebiet der Schwarzwald, das Württembergisch-Fränkische Hügelland und die Schwäbisch-Fränkisches Alb sowie schließlich die Alpen und das Alpenvorland. Bäume und Sträucher, die mit Samen aus einem dieser Gebiete herangezogen wurden und anschließend dort wieder angepflanzt werden, gelten als autochthon.
Anders als die Landwirte mit ihrem Bauernverband leiden die Baumschulen darunter, dass sie bislang keine große Lobby haben. „Dabei stehen wir unter demselben Preis- und Wettbewerbsdruck wie die Bauern“, betont Haage. Außerdem bedauert er, dass in der Forstwirtschaft immer nur die Naturverjüngung im Mittelpunkt stehe. „Die Waldbesitzer und ihre Zusammenschlüsse bekommen Preise und Auszeichnungen für die Naturverjüngung, aber die Leistungen der Baumschulen und Waldbesitzer, die hinter den Aufforstungen mit Forstpflanzen stehen, werden kaum gewürdigt.

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