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Milchexport

Richten Europas Milchexporte Schaden in Afrika an?

Burkina Faso Milchmarkt
Michael Ammich, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt ,
am
12.03.2018

Landwirt Johannes Pfaller reist durch Burkina Faso und bringt die Stimmungen mit nach Augsburg.

Müssen die EU und Deutschland den Afrikanern ihre Eigenverantwortlichkeit abnehmen und über die Drosselung der Milchmengen dafür sorgen, dass Afrika nicht mehr billiges Milchpulver aus der EU-Überproduktion kaufen kann? Sprechen hier nicht eine latente Abwertung und europäische Arroganz, wenn die Europäer die Afrikaner für unfähig halten, selbst über ihre Importe, ihr Einkaufs- und Ernährungsverhalten zu entscheiden?

Nein, meint der Vorsitzende des Bundesbeirats des BDM, Johannes Pfaller. Die Menschen in Afrika hätten keine andere Wahl, als die billigen, aus der EU importierten Milchprodukte zu konsumieren. Milch aus heimischer Erzeugung sei für sie zu teuer.

Zugleich berichtet Pfaller von Supermarktregalen, die prall mit teuren Lebensmitteln aus der EU und anderen Weltregionen gefüllt sind. Allerdings könne sich hier nur die wohlhabende Oberschicht von Burkina Faso bedienen. Dieses Land, das zu den drei ärmsten Staaten der Welt gehört, hat er auf Einladung des BDM und des kirchlichenHilfswerks Misereor zwei Wochen lang bereist, um sich ein Bild von der dortigen Landwirtschaft zu machen.

Fakt ist: Die Oberschicht in Burkina Faso verfügt sehr wohl über ausreichend Geld, um Milch aus heimischer Produktion zu kaufen, auch wenn diese aufgrund der schwierigen klimatischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich teurer ist als importierte Ware. Aber sie hat sich anders entschieden und gefährdet damit die Existenz zahlloser Kleinbauernhöfe in dem westafrikanischen Staat mit seinen 19 Mio. Einwohnern. Drei Viertel von ihnen betreibt eine Landwirtschaft, ein Drittel hält Vieh.

Im Lehrsaal der Landwirtschaftsschule des AELF Augsburg berichtet Johannes Pfaller über seine Erfahrungen in Burkina Faso. Das Interesse an dem Vortragsabend, der von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Augsburger BDM-Kreisgruppe ausgerichtet wird, ist enorm. Es herrscht akute Platznot, sodass immer mehr Stühle in den Saal getragen werden müssen, bis auch die letzte freie Ecke zugestellt ist.

Als jeder Besucher endlich seinen Platz gefunden hat, schildert Pfaller seine Sicht auf die Dinge und wiederholt das Mantra des BDM: Die Milchübermengen in einem ungesteuerten Markt seien sowohl für die Nöte der europäischen als auch der Milcherzeuger in Burkina Faso verantwortlich. Seit der ersatzlosen Abschaffung der Milchquote vor drei Jahren gebe es in der EU für die Milchmenge keine Leitplanken mehr.

Zu viel billige Milch für Burkina Faso

Milchexport Burkina Faso

Derzeit lagern rund 400.000 t Milchpulver in der europäischen Intervention, erklärte Pfaller. Um sie abzusetzen, werden sie zum Kilogrammpreis von 25 bis 35 ct auf dem Weltmarkt verkauft. Das sind 15 ct weniger, als die Produktion eines Liters Milch in Burkina Faso kostet, und 50 bis 70 ct weniger als ihr Verkaufspreis.

Im Mittel liefern die 10 Mio. Milchkühe des afrikanischen Landes jährlich nur 110 l Milch. Da ist es kein Wunder, dass jeder Einwohner von Burkina Faso durchschnittlich pro Jahr nur 21 l konsumiert. In die Lücke springen die Europäer und andere Global Player wie Neuseeland, um ihre Übermengen loszuwerden.

Je mehr Milch weltweit produziert wird, desto mehr sinken die Preise, und je mehr die Preise sinken, desto mehr Milch wird produziert, die Abnehmer finden muss – und sei es die Bevölkerung in Burkina Faso.

„Das ist das Problem, wenn Märkte keine Regeln kennen“, stellt Pfaller fest und klopft sich dabei auch auf die eigene Brust. Der BDM-Beiratsvorsitzende räumt ein, dass auch er gezwungenermaßen seine Milchproduktion über die Jahre hinweg erheblich gesteigert hat, um die Existenz seines Milchviehbetriebs in Haag im mittelfränkischen Landkreis Roth zu sichern.

Freiwillig würden die Milchbauern niemals ihre Mengen zurückfahren, sagt Pfaller. Deshalb brauche es eine Mengensteuerung über die Politik – und das am besten europaweit. Schließlich sei die EU der global größte Milchproduzent und 25 % der europäischen Milchmenge stammten wiederum aus Deutschland. Deshalb sei schon viel gewonnen, wenn sich auch nur die Bundesrepublik bei der Mengensteuerung bewegen würde.

Import ja - aber zu welchem Preis?

Die Landwirtschaft in Burkina Faso kann den Milchbedarf der Bevölkerung nicht decken und ist deshalb auf Importe angewiesen. „Die Frage ist aber, wie und zu welchem Preis“, wendet Pfaller ein.

Der Milch­erzeuger vor Ort müsse täglich 2 bis 3 l verkaufen, um davon mehr schlecht als recht leben zu können. Gäbe es die Übermengen und ihren Export aus der EU nicht, könnte er deutlich mehr Milch an den Verbraucher bringen. So aber sei es immer weniger Bauern in Burkina Faso und ganz Afrika möglich, ihr Überleben zu sichern. Da müsse sich dann auch niemand über die rasant gestiegene Zahl der Armutsflüchtlinge wundern.

Auf der anderen Seite liefert Pfaller keine Erklärung, wie die arme Bevölkerung in Burkino Faso sich mehr Milch zu einem Preis von 70 bis 80 ct leisten kann. Steigern die heimischen Bauern ihre Produktion, werden sie den Weg der europäischen Milcherzeuger gehen und ihre Ware immer billiger verkaufen müssen. Dabei ist fraglich, ob sich in dem klimatisch benachteiligten Land die teuren Produktionskosten im selben Maße senken lassen.

Muss also dereinst auch in Burkina Faso die unternehmerische Freiheit der Landwirte durch marktregulierende Instrumente beschnitten werden, wie es in der EU mit der Einführung der Milchquote der Fall war?

Wie dem auch sei, nach Ansicht Pfallers konterkarieren die billigen Exporte von Milch, Fleisch oder Getreide aus der EU die Entwicklungspolitik. „Es ärgert mich extrem, wie die Wirtschaftsmacht Europa hier mit den Menschen in Afrika umgeht.“ Er selbst habe in seiner Tätigkeit für die Entwicklungshilfe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen überall auf der Welt gleichermaßen intelligent sind und die gleichen Bedürfnisse und Wünsche haben. Dennoch unterscheide die Politik offenbar zwischen europäischen und afrikanischen Menschen.

Milchbauern oder Pulverexporteure?

Bei seinen Begegnungen mit der Landwirtschaft in Burkina Faso hat Pfaller den Vorwurf hören müssen, dass die EU die afrikanischen Produzenten zu Konsumenten machen wolle. „Die europäischen Landwirte sind keine Milchbauern, sondern Milchpulverexporteure“, schallte es ihm entgegen.

Umso schärfer wendet sich der BDM-Mann gegen die Position des Bauernverbands, der meine, mit den Übermengen aus der deutschen Agrarproduktion die Welt ernähren zu müssen. Im Gegenteil: Das deutsche, auf Exporte ausgelegte Wirtschaftssystem sorge dafür, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weltweit immer weiter öffnet und Afrika sich nicht aus seiner Armut befreien kann. „Dieses Überschusssystem hilft übrigens auch in Deutschland keinem Bauern.“

Anstatt seine Milchüberschüsse als Pulver nach Burkina Faso auszuführen, könne Europa die dortige Landwirtschaft weit besser durch Hilfe zur Selbsthilfe unterstützen. Pfaller führt dafür kleine Gemeinschaftsmolkereien an, die auf Initiative von Bäuerinnen entstanden sind. Diese hätten es geschafft, über Jahre hinweg große Milchmengen zu vermarkten. Es gibt aber auch das Beispiel einer Kleinmolkerei in einem Männerkloster, die ihre Milch an ein benachbartes Frauenkloster lieferte. Die Nonnen gingen den Mönchen jedoch wieder von der Fahne, weil sie jetzt lieber billiges importiertes Milchpulver kaufen.

Breit gefächerter Ansatz

Was kann die europäische Agrarpolitik tun, um der Landwirtschaft in Burkina Faso zu helfen? „Die EU muss dafür sorgen, dass keine Übermengen entstehen“, sagt Pfaller. Was können die europäischen Landwirte tun? „Sie müssen Instrumente zur Lösung des Mengenproblems entwickeln.“ Was kann Burkina Faso tun? „Das Land darf keine billigen Importe zulassen, sondern muss seine eigene Wirtschaft entwickeln.“ Und was kann der deutsche Verbraucher tun? „Er kann sich informieren, die Projekte von Hilfsorganisationen unterstützen und bei Wahlen seine Stimme abgeben.“

Hier stellt sich jedoch in Deutschland wie Burkina Faso dieselbe Frage: Wird die breite Bevölkerung ihre Stimme einer Partei geben, die mit ihrer Politik für eine Verteuerung der Milchprodukte und anderer Nahrungsmittel sorgt?

Interessant wäre auch die mögliche Antwort auf eine weitere Frage: Warum schaffen es China und Indien trotz europäischer Billigexporte von Milchprodukten und Fleisch, sich eine Landwirtschaft aufzubauen, die in wachsendem Maß den Bedarf der Bevölkerung decken kann? Nach einer kontrovers geführten Diskussion beschloss BDM-Kreisvorsitzende Walburga Meitinger den Abend, der „viel zum Nachdenken angeregt hat“.

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