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Ausbildung

Rohdiamanten auf dem Hof

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Michael Ammich
am
23.04.2019

16 Absolventen der Landwirtschaftsschule Augsburg in Hirblingen verabschiedet.

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Analysieren, kalkulieren, argumentieren und produzieren – alles Fähigkeiten, die dem landwirtschaftlichen Unternehmer zwar nicht in die Wiege gelegt sind, ihm aber auf der Landwirtschaftsschule vermittelt werden. Kommt dann nach dem Abschluss der Schule noch der Meisterbrief dazu, sind die wichtigsten Bausteine für die persönliche Entwicklung und den wirtschaftlichen Erfolg gesetzt. Auf der Schlussfeier der Augsburger Landwirtschaftsschule durften heuer 16 Absolventen ihre Zeugnisse entgegennehmen und sich damit „Staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau“ nennen.
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Weil mit Michael Königsdorfer einer der Absolventen einer Wirtsfamilie in Hirblingen angehört, wurde die Feier in den zwar räumlich engen, dafür aber urgemütlichen Gasthofsaal seiner Eltern in dem Gersthofener Stadtteil verlegt. Dort begrüßte der Schulleiter und stellvertretende Leiter des AELF Augsburg, Konrad Hörl, die Studierenden mit einem „Herzlichen Glückwunsch, jetzt haben Sie es endlich geschafft“. An der Schule hätten die zwei jungen Frauen und 14 jungen Männer ihr produktionstechnisches Wissen vertieft, ihre Betriebe in der Wirtschafterarbeit „durchgefieselt“ und gelernt, mit Auszubildenden und Mitarbeitern richtig umzugehen. Außerdem sei durch den Schulbesuch ihre Entscheidungskompetenz gestärkt worden, sagte Hörl. Trotz der Digitalisierung sei es am Ende nämlich immer noch der Betriebsleiter, der Entscheidungen treffen muss. In ihrer Persönlichkeit gleichen die Absolventen jetzt ungeschliffenen Rohdiamanten, sagte der Schulleiter. Erst die Weiterbildung mache sie zu Betriebsleitern, die den enormen Herausforderungen für ein landwirtschaftliches Unternehmen gewachsen sind.
Nachdem die Planungssicherheit durch ständig neue Vorgaben immer geringer werde, gelte es umso mehr, die Stärken und Schwächen des eigenen Betriebs zu prüfen und Gewinnreserven auszuschöpfen. „Aber stellen Sie jetzt nicht gleich alles auf den Kopf, wenn Sie zu Hause sind“, mahnte Hörl die Absolventen. „Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.“ Außerdem gelte es, bei wichtigen Entscheidungen immer die gesamte Familie miteinzubeziehen. Den Eltern der Schulabgänger dankte er, dass sie ihre Sprösslinge für den Schulbesuch freigestellt haben.
In ihrem Grußwort ermunterte Augsburgs Vizelandrätin und Ehrenkreisbäuerin Anni Fries die Absolventen, ihren Titel „Staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau“ mit Stolz zu tragen. Immerhin hätten sie in drei Semestern Landwirtschaftsschule gelernt, einen bäuerlichen Betrieb selbstständig, wirtschaftlich und umweltbewusst zu führen.

Im Ehrenamt den Berufsstand vertreten

Der Augsburger BBV-Kreisobmann Martin Mayr forderte die Absolventen auf, jetzt auch noch die letzte Hürde der beruflichen Bildung zu nehmen und den Meisterbrief zu erwerben. Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen sei aber nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch eine Portion Mut gefragt. Die Absolventen sollten sich in Ehrenämtern engagieren, meinte Mayr. So könnten sie die Anliegen ihres Berufsstands in die Gesellschaft tragen.
Fachlehrer Thomas Müller legte in gewohnt humorvoller Art den Schulbericht vor. Besonders erfreut zeigte er sich über die beiden Frauen unter den Absolventen. Sie hätten Schwung in den Schulalltag gebracht. Die Betriebe der Studierenden sind breit aufgestellt, sagte Müller. Zehn Studierende kamen aus Milchvieh-, je drei aus Schweine- und Bullenmastbetrieben. Vertreten waren auch die Legehennenhaltung und die Biogaserzeugung. Neun der 16 Absolventen stammen aus dem Landkreis Augsburg, fünf aus dem Kreis Aichach-Friedberg und je einer aus den Kreisen Günzburg und Landsberg. „Das Arbeiten mit Euch war sehr angenehm“, schloss Müller.

Milchautomaten zuerst einmal leasen

Maximilian Wunder aus Eismannsberg stellte seine Wirtschafterarbeit vor, in der er sich mit der Entwicklung seines Milchviehbetriebs beschäftigte. Auf dem elterlichen Hof hält er 76 Kühe (8900 kg Stalldurchschnitt). Als Hofnachfolger wurde ihm bald klar, dass auf der Betriebsfläche im Dorf „nichts mehr geht“. Eine Aussiedlung kommt für ihn jedoch nicht infrage, sondern eine andere Aufstellung des Betriebs.
Wunders Ziel ist eine höhere Wertschöpfung aus der Milch mit eigener Bestimmung des Milchpreises – mit anderen Worten: eine bessere Vermarktung anstatt in der Größe zu wachsen. So kam Wunder auf die Idee, drei Milchautomaten bei Supermärkten und einen bei einem Hofladen aufzustellen. Mit einem Real-, Rewe- und V-Markt im Großraum Augsburg fand er drei Partner, wo er für eine Monatsmiete von 130 bis 200 € die Automaten aufstellen kann.
Auf dem Betrieb in Eismannsberg muss er in einen Pasteur mit Wärmerückgewinnung, eine Reinigungsstation für die Automatentanks, in einen separaten Milchtank für das Abkühlen und Lagern und in einen Transporter investieren. In seiner Wirtschafterarbeit hat Wunder die baulichen und technischen Maßnahmen beschrieben. Er kalkuliert mit einem Tagesabsatz von 40 bis 80 l je Automat und einem Deckungsbeitrag von insgesamt 57 000 €. Dem stehen die jährlichen Festkosten von 7200 € und die Leasinggebühren von 32 400 € für die Automaten gegenüber. Um auf einen Stundenlohn von 15,20 € zu kommen, muss er 1,30 €/l verlangen. Der Leasingvertrag ist jederzeit kündbar.
Ohne langfristige Bindung verringert sich das unternehmerische Risiko erheblich, sagte Wunder. Während der Laufzeit des Leasingvertrags rechnet er nur mit einem geringen, anschließend aber mit einem guten Gewinn. Entscheidend für die verkaufte Milchmenge werde das Auftreten seines Betriebs in der Öffentlichkeit sein.

Semestersprecherin Bettina Spatz und ihr Stellvertreter Korbinian Kempter baten fünf Lehrkräfte zu einem Ratespiel: „Wie gut kennen Sie Ihre Schüler?“ Dabei zeigte sich, dass die Lehrer recht gut Bescheid wissen über die Eigenschaften ihrer Schützlinge. Nach der Zeugnisübergabe nahm der Vorsitzende des vlf Aichach-Friedberg, Josef Lindemeyer, Bettina Spatz stellvertretend für alle Absolventen in die berufsständische Weiterbildungsorganisation auf.

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