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Vermarktung

Schweine auf der Sonnenterrasse

Strohschwein Diskussion
Michael Ammich
am
30.11.2017

„Ringelschwanz-Freiluft-Strohschwein“: Wie das geht, interessierte viele Bäuerinnen und Bauern - und natürlich auch, ob sich das rechnet.

Auf enormes Interesse bei Schweinehaltern aus ganz Bayern und dem angrenzenden Baden-Württemberg stieß ein Tagesseminar der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und des Bund Naturschutz zur tiergerechten Schweinehaltung, fairen Erzeugerpreisen und regionaler Vermarktung.

Unter der Überschrift „Ringelschwanz-Freiluft-Strohschwein – wie geht das?“ zeigten Experten und Landwirte in Dasing (Lks. Aichach-Friedberg) die Chancen und Probleme auf, die mit einem Mehr an Tierwohl in konventionellen Schweineställen verbunden sind. „Mit dem Seminar wollen wir auch einen politischen Änderungsprozess in Gang bringen“, erklärte AbL-Landesgeschäftsführerin Andrea Eiter, die durch die Veranstaltung führte.

Freies Abferkeln und schweizer Genetik

Strohschweine Teilnehmer

Zu den Bauern, die gute Erfahrungen mit dem „Ringelschwanz-Freiluft-Strohschwein“ gemacht haben, gehört Karl Österle, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft EZO Süd für besonders art- und umweltgerechte Tierhaltung.

Österle bewirtschaftet in Obermarchtal bei Ulm einen Zuchtsauen- und Schweinemastbetrieb. Er setzt keine Hormone ein, die Rausche der Sauen erfolgt durch Eberkontakt in der Stroharena. Auch der Wartestall mit seinen vier Buchten ist eingestreut, die Volumenfütterung der Tiere findet auf einer komplett überdachten, 60 m langen Sonnenterrasse statt, die „an Tiergerechtigkeit nicht zu überbieten ist“. Jede Sauengruppe hat einen eigenen Zugang vom Stall auf die Terrasse.

Ein neuer Abferkelstall verfügt über 45 Plätze zum freien Abferkeln, die jeweils in eine Sauenstube und ein Ferkelnest unterteilt sind. Die einzelnen Buchten sind mit einer Familientränke für die Muttertiere und Ferkel ausgestattet.

Abgedeckt werden die Ferkelnester mit einer Platte, auf deren Unterseite eine Heizplatte angebracht ist. Die Sauen koten über einen Zugang auf dem Mistgang ab. Die Traufseiten des Abferkelstalls sind offen, so dass viel Licht und Sonne in das Gebäude fallen. Die Jung­sauen sind in einem eigenen Pig-Port-Stall mit Auslauf untergebracht.

In der Zucht setzt Österle auf Schweizer Genetik. „Ruhige Schweine sind wichtig für die freie Abferkelung.“ Die Schweine bekommen ausschließlich gentechnikfreies Futter aus regionaler Erzeugung, darunter auch Raufutter.

Die Ringelschwänze werden nicht kupiert, Zähne nicht abgeschliffen und die Kastration der männlichen Ferkel erfolgt unter Betäubung mit Isofluran. Der Verzicht auf das Schwanzkupieren bereitet keine Probleme, versichert Österle. „Die Schweine beschäftigen sich viel mit dem Stroh und die Sauen liegen in der Einstreu friedlich beieinander.

Natürlich bedeutet das für mich einen erhöhten Arbeitsaufwand, aber mein Konto stimmt. Das war früher in meiner konventionellen Ferkelerzeugung anders.“ Antibiotika setzt Österle nur noch minimal ein. Dem Landwirt ist die Freude über den Erfolg seiner Strohschweinehaltung anzusehen. „So gewinnt man auch den eigenen Nachwuchs für das Weitermachen.“

Neue Mitglieder sind willkommen

Strohschweine Österle

Der stellvertretende Vorsitzende der EZO Süd, Hans Möhrle aus Hohentengen im Landkreis Waldshut, erklärt den Seminarteilnehmern die Arbeit der Erzeugergemeinschaft. Sie wurde 2015 gegründet, derzeit sind ihr 60 Mitgliedsbetriebe angeschlossen. Edeka-Händler nehmen wöchentlich rund 800 Strohschweine ab.

Läuft alles wie geplant, will die EZO Süd ihren Umsatz in den kommenden vier Jahren auf 20 Mio. € verdoppeln.

Mitglied bei der EZO kann nur werden, wer dem Neuland-Verein für tiergerechte und umweltschondende Nutztierhaltung angeschlossen, Biobauer oder ein Betrieb der Premiumstufe des Tierwohl-Labels des Deutschen Tierschutzbunds ist. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 119 €/Jahr.

„Neue Mitglieder sind uns herzlich willkommen“, sagt Möhrle. Auf sie warten gesicherte Absatzverträge und eine flexible Vermarktung durch die Doppelzertifizierung. Außerdem begleitet die EZO umfassend bei der Umstellung auf Langschwanzschweine, sie begutachtet und prüft die Aufstallung und ein Berater hilft auch in Fragen der Wirtschaftlichkeit.

Keine halben Sachen

„Teilumstellungen sind bei uns ein absolutes No-Go“, betont Möhrle. Die EZO gibt Bestandsobergrenzen und die Ferkelkastration unter Vollnarkose vor. Vollspaltenböden sind nicht erlaubt, der Liegebereich muss bodendeckend mit Langstroh eingestreut sein.

Vorgeschrieben ist ein doppeltes Platzangebot, das in verschiedene Aktivitätsbereiche unterteilt sein muss. Verboten ist das Kupieren der Schweineschwänze. Gefüttert werden dürfen nur heimische, gentechnikfreie Futtermittel, Antibiotika nur nach Indikation.

Noch in der Planungsphase befinden sich Richtlinien für die Haltung der Muttersauen. Die EZO kommt ihren Mitgliedern mit einer Umstellungsfrist von bis zu zehn Jahren entgegen. Ein Ziel ist die freie Abferkelung.

Damit sich der Mehraufwand für die Mitglieder lohnt, beläuft sich der Grundpreis fürs kg Schwein mit Aufpreis- und Abnahmegarantie auf 2,15 € plus 40 ct auf den üblichen Marktpreis, falls dieser auf mehr als 1,80 € steigen sollte. Das 30-kg-Ferkel wird an die Mäster für 80 € abgegeben. Die Lieferverträge mit Edeka für das Hofglück-Fleisch gelten bis zum Jahr 2025.

Möhrle fasst den Mehraufwand noch einmal zusammen: Höhere Kosten für die Kastration unter Betäubung, Strohbedarf, höherer Preis für gentechnikfreies Futter, zusätzlicher Beobachtungs- und Betreuungsbedarf sowie die Kosten für den Neu- oder Umbau des Stalls. Dem stehen jedoch die deutlich besseren Erzeugerpreise und die staatliche Förderung der besonders artgerechten Tierhaltung gegenüber.

Rechnung geht auf

Strohschweine Gelb

Auf den Zug der besonders tierwohlgerechten Schweinehaltung ist auch Josef Gelb aus Steinach bei Mering (Lks. Aichach-Friedberg) aufgesprungen. 1982 war er mit Muttersauen in die Ferkelproduktion eingestiegen, 2007 erreichte der Zuchtsauenbestand mit 400 Muttersauen seinen Höhepunkt.

Immer wieder hatte Gelb die Herde aufgestockt, doch einen zusätzlichen Gewinn konnte er nicht generieren. Deshalb entschied er sich, seine Ferkel selbst zu mästen. „Ich wollte eine Haltung mit Auslauf ins Freie und eine Stroheinstreu. Meine Schweinehaltung sollte zukunftsorientiert sein, der Antibiotika-Einsatz verringert und das Kupieren der Ringelschwänze vermieden werden.

Außerdem wollte ich in die Metzgervermarktung einsteigen. Meine Ziele waren die artgerechte Schweinehaltung, faire Erzeugerpreise und eine regionale Produktion. Der schrittweise Umbau in Richtung Tierwohl sollte aber auch bezahlbar sein.“

Schließlich siedelte Gelb im letzten Jahr einen neuen Tierwohlstall mit 1,490 Mastplätzen aus. Der Freilauf ist komplett überdacht und mit Wundschutznetzen ausgestattet, teils planbefestigt und teils mit Spaltenboden zum Abkoten samt Güllekanal mit Schieber.

Über den Spalten befindet sich eine Dusche, die das Wohlbefinden der Schweine bei hohen Temperaturen fördert. Gefüttert wird auch im Winter im Auslauf, das „macht die Schweine robust“. Eingesetzt werden ausschließlich gentechnikfreie Futtermittel. Im Auslaufbereich haben die Tieren Aktivitätsmöglichkeiten.

Im beheizten Innenbereich des Maststalls ist eine automatische Einstreuanlage mit Entstaubung installiert. Pro Tier und Tag liegt der Strohaufwand bei 100 g.

Die Tierwohlrechnung scheint aufzugehen. Die Schweine sind so robust, dass Gelb bislang noch nie Antibiotika einsetzen musste. Gelb ist zufrieden mit seinem Stall. „Ich wollte nicht an Tönnies liefern, der dann wiederum China beliefert. Mein Ziel ist es, die Schweine regional zu produzieren und zu vermarkten.“

Hier musste Gelb jedoch Lehrgeld bezahlen, die geplante Metzgervermarktung läuft noch recht schwierig. „Da geht viel über den Preis.“ So kommt es, dass die Hälfte der Mastschweine aus dem Gelbschen „Schweine-Wohlfühlhotel“ über die EG Franken-Schwaben abgesetzt wird.

Der Landwirt räumt zudem ein, dass die Metzgervermarktung noch einmal für mehr Arbeit sorgt. Viele Verbraucher sind immer noch nicht bereit, einen höheren Preis für Tierwohl-Fleisch zu bezahlen, bedauert Gelb. Die Enttäuschung darüber ist ihm anzumerken.Michael Ammich

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