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Unterm Strich bleibt bei "Bio" mehr übrig

Patrizia Schallert
am
09.01.2017

Gundelfingen - Abhängig sein von der Chemie-Industrie und der Niedrigpreispolitik der Discounter? Mit mir nicht, sagen immer mehr Landwirte und stellen auf den ökologischen Landbau um.

Gemüsebautag

Michael Stumpenhausen empfahl jetzt auch den Gundelfinger Gemüsebauern die Chancen des wachsenden Markts für Bioprodukte zu nutzen. Bislang beläuft sich der Ökoanteil an der gesamten bayerischen Freilandgemüsefläche allerdings erst auf 12,6 %, erklärte der Bioland-Gartenbauberater auf dem 47. Schwäbischen Gemüsebautag in Gundelfingen.
Nach der Eröffnung der Tagung durch Dr. Wolfgang Besener, Leiter des Fachzentrums Gartenbau am AELF Augsburg, freute sich Peter Uhl als Vorsitzender des Erzeugerrings für Gemüse Schwaben über die große Teilnehmerzahl. „Wenn es den Gemüsebautag nicht schon gäbe, müssten wir ihn heute erfinden.“ Dem schloss sich der Gundelfinger Bürgermeister Franz Kukla an. „Dass der Schwäbische Gemüsebautag schon immer in Gundelfingen stattfindet, macht deutlich, in welch fruchtbarer Region wir hier leben.“ Dessen sollte sich auch die Kommunalpolitik bewusst sein, wenn sie Flächennutzungspläne aufstellt.
In seinem Vortrag über Chancen und Risiken des biologischen Gemüseanbaus listete Stumpenhausen eine Reihe von „pragmatischen Gründen“ auf, die für eine Umstellung sprechen. Einer davon sei die Abkehr vom chemischen Pflanzenschutz, der die Anwender erheblichen gesundheitlichen Gefahren aussetze. Es sei an der Zeit, darüber nachzudenken, ob es nicht auch anders geht, sagte der Bioland-Berater. Nachdem immer mehr Pflanzenschutzmittel verboten werden und unter dem Beschuss der Öffentlichkeit stehen, die Auflagen und Verordnungen seitens der EU und des Handels immer mehr zunehmen, werde es nicht einfacher, konventionelles Gemüse anzubauen.
Als „idealistische Gründe“ für die Umstellung auf den Bio-Anbau nannte Stumpenhausen die Ressourcen schonende Produktion, eine Kreislaufwirtschaft ohne Chemie sowie den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit und der Artenvielfalt der Tiere. „Die gigantischen Erträge im konventionellen Anbau gehen nämlich auf Kosten des Bodens, der Artenvielfalt und der künftigen Generationen.“ Wer sich aus der Abhängigkeit von der Agrarchemie und den Discountern befreien will, für den sei die Umstellung auf den Öko-Anbau vielleicht ein Weg. „Aber Geld regiert auch im Biobereich die Welt“, sage Stumpenhausen. Damit sich die Landwirte ihre Ideale auch leisten können, gibt es höhere Erzeugerpreise und höhere Förderung, beispielsweise im Rahmen des Kulap 468 €/ha im Jahr und 975 €/ha bei Dauerkulturen wie Spargel. In den ersten zwei Umstellungsjahren fällt die Prämie etwas höher aus.

Umsatz wächst beim Biofrischgemüse

Laut einer LfL-Marktstudie rangiert Bayern im Bio-Gemüseanbau mit einer Fläche von 1843 ha deutschlandweit auf Platz 1, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (1553 ha), Niedersachen (1373 ha) und Baden-Württemberg (1291 ha). Im gesamten Bundesgebiet liegt der Bio-Anteil am Gemüseanbau bei 9,4 %. In den letzten Jahren sei jedoch eher eine Stagnation zu verzeichnen, so Stumpenhausen. Und dies, obwohl der Umsatz mit Biofrischgemüse in Deutschland gigantisch wachse. „Der Verbraucher gibt immer mehr Geld für diese Produkte aus.“ Im Jahr 2012 betrug der Umsatz rund 500 Mio. €, drei Jahre später bereits 600 Mio. €. Aktuelle Zahlen lassen auf einen weiteren Zuwachs von weiteren 50 Mio. € schließen.
Den höchsten Umsatz weist das Fruchtgemüse-Segment mit 200 Mio. € auf. „Der Marktanteil von Biogemüse in Deutschland ohne Import ist zwar sehr klein und beläuft sich auf nur 9,2 %, konnte in den vergangenen Jahren aber einen starken Zuwachs verzeichnen.“ Der deutsche Selbstversorgungsgrad ist bei Kürbissen, Möhren und Zwiebeln mit über 50 % am höchsten. In den Bereichen Gurken, Tomaten, Paprika und Zucchini besteht auf das Jahr bezogen ein erheblicher Mangel an Biowaren. „Hier wäre noch viel Luft nach oben“, sagte der Gartenbauberater.

Letztlich bleibt mehr Geld beim Erzeuger

Auf den ersten Blick gebe es wenige Gründe für eine Umstellung auf Bio-Gemüseanbau, sagte Stumpenhausen. „Wenn wir mit einer Fläche von 9,4 % nur 9,2 % Marktanteil haben, bedeutet es, dass Biolandwirte von ihren Flächen deutlich weniger ernten.“ Der Ertrag sei zwar wesentlich geringer als im konventionellen Anbau und die variablen Kosten höher, aber „letztlich bleibt dem Biogärtner deutlich mehr im Geldbeutel, weil die Erzeugerpreise bis zu 100 % höher liegen“.
Mit einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2007 wurde der Begriff des ökologischen Anbaus definiert und geregelt. „Wer sich Biobauer nennen will, muss sich an die Richtlinien halten“, betonte Stumpenhausen. „Alles andere ist Betrug am Konsumenten.“ Die Richtlinien legen beispielsweise fest, wie ein Produkt angebaut werden muss. Außerdem regelt die Verordnung, wer wie oft die Kontrollen durchführt und welches Produkt wie gekennzeichnet sein muss. Die Umsetzung der EU-Verordnung obliegt den Mitgliedsstaaten, was wiederum dazu führe, dass die Umsetzung unterschiedlich gehandhabt wird.
Die Anbau-Richtlinien beinhalten folgende Auflagen:

  • Das Anbausystem und die Bodenbearbeitung müssen Humuserhalt oder die -steigerung zum Ziel haben.
  • Die Bodenfruchtbarkeit und Nährstoffversorgung gründen auf Fruchtfolge, Zwischenfrüchte und Leguminosen-Gründüngungen.
  • Der Pflanzenschutz besteht hauptsächlich aus vorbeugenden und kulturtechnischen Maßnahmen.

Das Saatgut muss, wenn verfügbar, aus ökologischer Vermehrung stammen und Jungpflanzen dürfen generell nur aus ökologisch zertifizierter Produktion zugekauft werden. Mineralische Stickstoffdünger sind verboten. Die Verwendung von 170 kgN/ha Wirtschaftsdünger, auch aus konventionellem Zukauf, ist erlaubt. Organischer Handelsdüngereinsatz ist möglich, hierzu gibt es eine Positivliste. Die Ausbringung von Spurennährstoffen ist grundsätzlich zugelassen. Im Bio-Gemüseanbau sind nur organische Stickstoffdünger wie Hornspäne, Haarmehl- und pflanzliche Pellets sowie Zuckerrüben-Melasse erlaubt, ebenso Kalium, Magnesium und Spurennährstoffe.
„Pflanzenschutzmittel dürfen erst eingesetzt werden, wenn alles andere versagt“, betonte der Experte. Hier gibt es ebenfalls eine Liste mit zugelassenen Produkten. Alle Pflanzenschutz- und -stärkungsmittel natürlichen Ursprungs dürfen verwendet werden. Beim Pflanzenschutz empfiehlt der Berater eine größtmögliche Vorbeugung, weite Pflanzabstände, die Auswahl robuster Sorten, eine weite Fruchtfolge und Pflanzenschutznetze.
„Bei schlechten Erträgen sollten sich die Bauern Gedanken über die Fruchtbarkeit ihrer Böden machen und darüber, was sie zu seiner Verbesserung beitragen können“, mahnte Stumpenhausen. Eine gute Bodenfruchtbarkeit lasse sich durch folgende Maßnahmen erzielen:

  • Mindestens 20 % überjährige, besser zweijährige Gründüngung in der Fruchtfolge.
  • Regelmäßige Mist- und Kompostausfahrung.
  • Einhalten einer mindestens vierjährigen Fruchtfolge bei allen Kulturen.
  • Die Durchführung eines konsequenten Zwischenfruchtanbaus.
  • Die größtmögliche Reduktion von Bodenverdichtungen.
  • Grundbodenbearbeitung ist auf die Bodenbedürfnisse abzustimmen.

Das gehe natürlich auf Kosten der Produktivität, aber auf gesunden Böden werden erfahrungsgemäß bessere Erträge eingefahren, so Stumpenhausen.
Der private deutsche Zertifizierungsdienstleister Abcert AG kon­trolliert die Bio-Landwirte und Bio-Gartenbauer, während die LfL die EU-Verordnungen umsetzt und die Zertifizierungsstellen kontrolliert. Die Kosten für die Kontrollen bewegen sich zwischen 500 bis 700 € und sind von den Betrieben zu bezahlen. Die Kennzeichnung der Bioware erfolgt durch das EU-Logo, auch das deutsche Öko-Zeichen kann verwendet werden. Unbedingt anzugeben ist die Code-Nummer der Öko-Kontrollstelle, bei der sich der Betrieb angemeldet hat. Wer Mitglied eines Verbands ist, kann auch dessen Logo anbringen. In der Umstellungsphase dürfen das EU- und deutsche Bio-Logo nicht auf dem Produktetikett angebracht werden, sondern nur das Logo des Verbands.
Beim Beitritt zu einem Bio-Anbauverband unterwirft sich der Betrieb strengeren Richtlinien, die über die EU-Verordnung hinausgehen. Der Anschluss an einen Verband führt zu zusätzlichen Kontrollen und ist kostenpflichtig. „Die Obergrenzen beim Düngereinsatz sind für Gemüsebauern verdammt hart“, sagte Stumpenhausen. Außerdem gibt es im Biobereich eine Begrenzung des Energieeinsatzes im Gewächshaus.

Handel bevorzugt „Verbandsware“

Vorteile einer Verbandszugehörigkeit sah Stumpenhausen im großen Vertrauen der Kunden in die Marken und vom Handel werde die Verbandsware bevorzugt gekauft. Nachdem es nur wenig schriftliche Infos zum Biogemüsebau gebe, seien der Austausch mit Berufskollegen auf den zahlreichen Veranstaltungen und die Beratung der Verbände ein großer Mehrgewinn. „Zusammengefasst ermöglicht die Umstellung auf den Bio-Landbau einen Ausgleich zu den geringen Erzeugerpreisen im konventionellen Anbau. Trotzdem besteht durch den zunehmenden Preisdruck des Einzelhandels bereits auch im Biobereich ein gewisses Risiko.“
Dr. Wolfgang Besener sprach ein Problem an, das auf umstellungswillige Gemüsebauern zukommen wird. Bisher habe es nämlich immer geheißen, dass in Gundelfingen ein biologischer Gemüseanbau nicht möglich ist, weil die Anbauer auf Wechselflächen und deshalb auf einen Flächentausch angewiesen wären. Und so brachte Besener eine mutige Hypothese ins Spiel: „Wenn es einzelne Betriebe nicht schaffen, auf den ökologischen Landbau umzustellen – warum dann nicht eine ganze Region?“

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