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Waldbau

Verbisssituation teilweise ein Fiasko

Spiesser
Olaf Winkler
am
26.03.2019

Im Leiblachtal und im Argental plädiert das Forstamt für höheren Abschuss

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Maria-Thann/Lks. Lindau Teilweise als „Fiasko“ hat Forstdirektor Dr. Ulrich Sauter vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) die Verbissbelastung der Waldverjüngung im Landkreis bezeichnet. Bei der Jahresversammlung der BBV-Arbeitsgemeinschaft der 28 Jagdgenossenschaften des Landkreises in Maria-Thann machte er deutlich, dass entgegen dem positiven Trend in Bayern im Landkreis die Verbissbelastung wieder den Stand von 1991 erreicht hat – nach einer markant besseren Situation um die Jahrtausendwende.

In den vier Hegegemeinschaften im Landkreis ist die Situation aber sehr unterschiedlich. Im Bereich Bodensee sei die Belastung tragbar, so Sauter. Bei den Tannen sei sie sogar von 35 auf 11 % zurückgegangen. Auch die Mischung der Jungwälder habe sich verbessert, so der Forstdirektor. Dennoch empfiehlt das AELF, die Abschusszahlen nicht zu verändern, denn: „Sonst verspielt man die Erfolge wieder.“
Im Leiblachtal hat der Verbiss über alle Baumarten hinweg zugenommen – bei den Edelhölzern hat er sich sogar von 4 auf 24 % erhöht. Und das, obwohl die Abschusszahlen mit 6,5 Rehen auf 100 ha höher waren als im Bereich der Hegegemeinschaft Bodensee. Mit Blick auf die hohen Verbisszahlen empfiehlt das AELF hier eine Erhöhung der Abschusszahlen.
Im Rothachtal ist die Mischung der Jungwälder aus Sicht des Amtes besonders positiv: Mit je rund 30 % liegen Fichten und Tannen gleichauf. Auch die Verbissbelastung sei tragbar, weshalb das AELF eine Beibehaltung der Abschusszahlen empfiehlt.

Faktisch keine Mischwaldverjüngung kann aufgrund der hohen Verbisszahlen jedoch im Argental stattfinden. Junge Buchen ließen sich bei der Inventur für das Gutachten nicht mehr ausmachen. Jede vierte Tanne und jedes dritte Edelholz litt unter Verbiss. Daher empfiehlt das AELF hier eine Erhöhung der Abschusszahlen.

Große Unterschiede in den Revieren

Allerdings sollte es bei der anstehenden Festlegung der Abschusszahlen innerhalb der Hegegemeinschaften eine genaue Betrachtung einzelner Reviere geben, empfiehlt Sauter. Denn die Unterschiede seien groß. Einmal mehr habe sich gezeigt, dass das „Westallgäu eine eigene Welt“ sei. Insbesondere der hohe Anteil der Tannen unterscheide die Wälder deutlich vom angrenzenden Oberallgäu. Rund 2000 Rehe haben die Jäger im Jagdjahr 2017/18 erlegt.
Aus Sicht des Sprechers der 28 Jagdgenossenschaften im Kreis Lindau, Walter Bingger (Hergensweiler), gilt es, „die kommenden drei Jahre nicht zu verschenken“. Für diesen Zeitraum erfolgt im März die Festlegung der Abschusszahlen. Erschwert werde die Situation allerdings durch die Tatsache, dass es in drei der vier Hegegemeinschaften im Landkreis derzeit keinen Leiter gibt, stellte Edwin Miller (Hergatz) fest. Das ist auch aus Sicht von Rudolf Fritze vom Kreisjagdverband ein Problem, denn „der Gesamtblick fehlt“.

Jagdgenossen kritisieren Jagdbehörde

Vertreter der am Landratsamt angesiedelten Unteren Jagdbehörde hat Bingger bei der Jahresversammlung vermisst. Nach dem Personalwechsel in diesem Bereich hätte er sich gewünscht, dass sich die neuen Mitarbeiter der Jagdbehörde bei den Jagdgenossen vorstellen.
Auch der stellvertretende Leiter der Jagdgenossen, Albert Lacher (Stiefenhofen), monierte das Fernbleiben der Behördenvertreter. „Offensichtlich sieht das Landratsamt nur die Jäger als Ansprechpartner“, mutmaßte er. Es seien jedoch die Jagdgenossen, die als Grundbesitzer das Jagdrecht vertreten, denn dieses sei an Grund und Boden gebunden.
Rudolf Fritze vom Kreisjagdverband wiederum monierte, dass die Untere Jagdbehörde die Hegegemeinschaften in der Vergangenheit „nicht als Instrument der Mitwirkung wahrgenommen hat“.
Doch auch Wolfgang Haller (Grünenbach) kritisierte die „chaotische Situation“ und beklagte die mangelnde Informationspolitik der Behörde. Er sei als Jagdvorstand nicht darüber informiert worden, dass im Bereich der Kläranlage Grünenbach eine Sammelstation für geschossenes Schwarzwild vorgesehen ist, das von der Afrikanischen Schweinepest befallen ist: „Das musste ich aus der Zeitung erfahren.“
Kreisjagdberater Michael Hornstein mahnte zur Mäßigung: „Wir sollten den neuen Mitarbeitern Zeit zum Einarbeiten geben.“

Derweil bereitet das vermehrte Auftreten von Schwarzwald im Bereich von Hergensweiler, Hergatz und Weißensberg Sorgen. Drei Wildschweine wurden im zu Ende gehenden Jagdjahr in diesem Bereich überfahren, sechs geschossen, zog Fritze Bilanz. Gehe die Entwicklung so weiter, „haben wir noch einiges vor uns“, stellte Bingger fest. Denn: „Die Tiere pflügen große Flächen in kurzer Zeit um.“ Der Einsatz beispielsweise von Nachtsichtbrillen und Wärmebildkameras werde von den Jägern geprüft, so Fritze. Die Anschaffung sei aber mit hohen Kosten verbunden. Lacher räumte ein, dass sich die Jagdgenossen überlegen sollten, sich an den Kosten zu beteiligen. Schwierig sei die Jagd im Bereich des Degermoos (Gemeinde Hergensweiler), so Fritze. Eine Drückjagd auf Schwarzwild erfordere hier bis zu 80 Jäger und sei mit einem großen logistischen Aufwand verbunden. Daher gelte es, kleinräumige Jagden zu organisieren.

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