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Bad Grönenbach

Verdacht auf Tierquälerei schlägt Wellen

Endres-Hof
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Cornelia Beisser, Wochenblatt
am
10.07.2019

Einer der größten Milchbauern Bayerns soll Kühe schwer misshandelt haben

Bad Grönenbach/Schw. Wegen des Verdachts auf Tierquälerei auf einem der größten Milchviehbetriebe in Bayern und Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft. Es werde geprüft, ob die Aufnahmen eines Tierrechtsvereins authentisch seien, bestätigte die Staatsanwaltschaft Memmingen am Dienstag. Zuvor hatten die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die ARD-Politikmagazine „Report Mainz“ und „Fakt“ berichtet. Das Material, wonach Tiere über Wochen hinweg gequält und misshandelt worden seien, wurde dem Bericht zufolge vom Tierrechtsverein „Soko Tierschutz“ (Augsburg) zugespielt. Der Fall sorgt deutschlandweit für Aufsehen, nicht nur Tierschützer sind entsetzt über die Vorwürfe der Tierquälerei in Bad Grönenbach.
Die Videoaufnahmen aus den Ställen des Milchviehbetriebs Endres im schwäbischen Bad Grönenbach (Lks. Unterallgäu) zeigen, wie Kühe getreten und geschlagen oder mit einem Traktor durch einen Stall geschleift werden. Zudem würden Kühe qualvoll Stunden nach dem Bolzenschuss durch die Kopfverletzung verenden, weil das vorgeschriebene Ausbluten unmittelbar nach der Betäubung unterbleibt.
Der Familienbetrieb mit mindestens 1800 Milchkühen und Nachzucht soll dem Tierrechtsverein zufolge bereits seit Jahren gegen Tierschutzvorschriften verstoßen. Eine Stellungnahme zu den Vorwürfen lehnte der Betrieb bislang ab. Auch schriftliche und telefonische Nachfragen des Wochenblattes blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Käserei stoppt Milchannahme

Die Milch des Hofes wird von der Käserei Champignon in Lauben (Lks. Oberallgäu) verarbeitet, die ihre Produkte weltweit verkauft. Das Unternehmen hat nun angekündigt, die Lieferbeziehungen zu dem betroffenen Unterallgäuer Milchviehbetrieb wegen der Vorwürfe der Tierquälerei mit sofortiger Wirkung einzustellen. Die gelieferte Milch des Hofes sei zwar von einwandfreier Qualität, dennoch würde die Käserei „aus ethischen und moralischen Gründen, ab sofort keine Milch mehr von diesem Hof annehmen und verarbeiten“. „Diese Bilder entsprechen in keiner Weise unseren Forderungen und Ansprüchen. Wir bekennen uns eindeutig und unmissverständlich zum Tierwohl und distanzieren uns von jeglichen Missständen in der Tierhaltung oder Verstößen gegen das Tierschutzgesetz“, so die Käserei. Und weiter: Man habe klare Standards zur Milchproduktion mit den Lieferanten vereinbart und würde deren Einhaltung regelmäßig kontrollieren. Bei Endres war das zuletzt im März 2019 der Fall.

Auch der Schlachthof distanziert sich

Kranke Kühe des Familienbetriebs seien beim Großschlachthof Vion in Buchloe (Lks. Ostallgäu) abgeliefert worden, hieß es in dem Bericht der SZ. Teile, mindestens eines kranken Tieres, seien zum menschlichen Verzehr freigegeben worden. Das Schlachtunternehmen teilte auf Anfrage mit:. „Bis zur vollständigen Klärung der vorliegenden Verstöße gegen das Tierschutzgesetz werden wir ab sofort von diesem Betrieb keine Tiere mehr annehmen“, so Jürgen Lieb, Standortleiter von Vion Buchloe.
Nach Berichten der SZ und von Report Mainz seien Notschlachtungen in mehreren Fällen nicht fach- und tierschutzgerecht ausgeführt worden. Ein auf dem Hof notgeschlachtetes Tier wurde bei Vion in Buchloe angeliefert. Die über vier Wochen verdeckt aufgenommenen Videos aus dem Stall des Landwirts wiesen darauf hin, dass dabei womöglich die rechtlichen Voraussetzungen für eine Notschlachtung nicht gegeben waren. Vion hatte davon keinerlei Kenntnis.

Mehrere Anzeigen beim Staatsanwalt eingegangen

Vergangene Woche hat die „Soko Tierschutz“ Anzeige gegen den Betriebsleiter und zahlreiche Mitarbeiter wegen besonders schweren Fällen von Tierquälerei gestellt. Auch gegen den Schlachtbetrieb Vion laufe eine Anzeige wegen des Verdachts auf illegale Krankschlachtungen. Zudem wurde der Betreuungstierarzt angezeigt, da er unter Verdacht steht, die Taten gedeckt und durch Unterlassen ermöglicht zu haben.
Auch das bayerische Verbraucherschutzministerium schaltete die Staatsanwaltschaft ein und forderte bei der Regierung von Schwaben einen Sonderbericht über den Betrieb an. „Hier steht kriminelles Verhalten im Raum. Tierquälerei ist nicht hinnehmbar“, teilte Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) mit.

Opposition fordert bessere Kontrollen

Grüne und SPD im Landtag forderten eine Sondersitzung des Umweltausschusses. „Die ganzen Vorgänge sind nicht nur erschreckend, sondern lassen auch das Vorgehen der Behörden mehr als zweifelhaft erscheinen“, sagte SPD-Landwirtschaftsexpertin Ruth Müller.
In der Sondersitzung soll ein funktionierendes Kontrollsystem zur Überwachung von Großbetrieben und die personelle Überlastung von Amtsveterinären diskutiert werden. „Ich fordere jetzt endlich Klarheit, wie und wie oft solche Betriebe untersucht werden“, sagte der Grünen-Landtagsabgeordnete Paul Knoblach und forderte seine Kolleginnen und Kollegen im Landtag, insbesondere aus den Regierungsfraktionen, dazu auf, endlich gemeinsam für ein funktionierendes Kontrollsystem einzustehen.
Der Verein „Soko Tierschutz“ arbeitet in der Regel mit Informanten zusammen. Auch die Bilder und Berichte aus dem Stall in Bad Grönenbach seien aus vertrauensvollen Quellen, hieß es. Und weiter: Die Dichte an Verstößen, die Brutalität, die Systematik der Misshandlung der Tiere auf einem Hof, der sich selbst gerne als Prestige-Betrieb darstelle, sei erschreckend. Der Verein habe bereits am 10. Juni eine anonyme Anzeige beim Veterinäramt zur Gefahrenabwehr erstattet. Da nach der Kontrolle die Misshandlungen und Verstöße offensichtlich nicht endeten, wurde am Donnerstag vergangener Woche dann auch Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Memmingen erstattet.

Regelmäßige Kontrollen durchgeführt

Zum Vorwurf der mangelnden Schlagkraft seiner Kontrollbehörden äußert sich der Unterallgäuer Landrat Hans-Joachim Weirather: „Das Tierwohl steht für uns an oberster Stelle. Erhalten wir Hinweise, die auf Tierquälerei hindeuten, gehen wir diesen umgehend nach. Stellen wir Missstände fest, sorgen wir dafür, dass diese beseitigt werden. Unsere Kontrollen sind aber immer nur Momentaufnahmen. Wir können bei keinem Betrieb rund um die Uhr vor Ort sein. Der Milchviehbetrieb und seine Betriebsstätten wurden regelmäßig kontrolliert. Insgesamt handelte es sich in den vergangenen fünf Jahren um 19 Regelkontrollen und zusätzlich 15 anlassbezogene Kontrollen (davon zehn tierschutzspezifische). Diese Kontrollen erfolgten selbstverständlich unangemeldet. Die Bilder, mit denen wir konfrontiert sind, machen uns tief betroffen.“

Zuvor gab es bereits Beanstandungen

Bei den Überprüfungen wurden tierschutzrechtliche Verstöße festgestellt. Die Beanstandungen bewegten sich im gering- bis mittelgradigen Bereich. Die Auflagen zur Behebung der Mängel seien unmittelbar vor Ort ausgesprochen und dem Landwirt, wenn erforderlich, nachfolgend schriftlich zugestellt worden. Im Rahmen dieser Amtskontrollen kam es zu keinen Bußgeldern oder Strafanzeigen, da die Mängel vom Betrieb Endres immer beseitigt worden seien.

Außerhalb dieser Kontrollen gingen weitere Hinweise ein, aus denen sich ein Verdacht auf eine Straftat ergeben habe. In diesen Fällen wurde Strafanzeige erstattet. In weiteren Fällen habe man Stellungnahmen bei der Polizei bzw. bei der Staatsanwaltschaft abgegeben. Zudem habe man mehrfach Bußgelder wegen Verstößen gegen die Tiergesundheit verhängt, heißt es aus dem Unterallgäuer Landratsamt.

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