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Milchviehhaltertag

Viel frische Luft für gesunde Tiere

Michael Ammich
am
06.03.2017

Oberwiesenbach/Lks.Günzburg - Beim Milchviehhaltertag in Oberwiesenbach stand heuer die Gesundheit der Kühe im Mittelpunkt.

Milchviehhaltertag

Lieber jährlich 20 € pro Kuh in den Strom für einen Ventilator investieren oder 200 € Verlust pro Kuh und Jahr durch Hitzestress? Für Johannes Zahner ist die Sache klar: Eine ordentliche Lüftung im Stall hilft nicht nur der einzelnen Kuh, sondern sorgt auch für eine gesunde Herde mit zufriedenstellender Milchleistung und Fruchtbarkeit. Auf dem Milchviehtag der ÄELF Krumbach und Mindelheim und des vlf Krumbach-Weißenhorn gab der Mitarbeiter des LfL-Instituts für Landtechnik und Tierhaltung den Milcherzeugern wertvolle Tipps, wie sie ihre Kühe vor den unerwünschten und bisweilen tödlichen Folgen von Hitzestress bewahren können.
Eröffnet wurde die sehr gut besuchte Veranstaltung in Oberwiesenbach von Brigitte Stoll, der neuen Leiterin des Sachgebiets Landwirtschaft am AELF Krumbach. Da Stoll aus einem Milchviehbetrieb im Allgäu stammt, verbindet sie mit den Teilnehmern des Milchviehtags die Liebe zu den Milchkühen. Umso mehr bedauerte sie, dass die Gesellschaft die täglichen Leistungen der Milcherzeuger und ihre Bemühungen um gesunde Tiere nur selten zu würdigen weiß.
Das Tierwohl stand denn auch im Vordergrund des Vortrags von Johannes Zahner über den Hitzestress im Milchviehstall. Die Kuh hat eine hohe körpereigene Wärmeproduktion, die mit ihrer Milchleistung anwächst, erklärte der LfL-Fachmann. Mehr als 30 Prozent der aufgenommenen Energie setzt die Kuh in Wärme um. „Der nächste heiße Sommer kommt bestimmt, doch Kühe fühlen sich bei 0 bis 16 Grad am wohlsten.“ Zur Körperwärme gesellen sich besonders bei hohen Außentemperaturen auch noch die Abwärme von Stallbauteilen und die Einstrahlung der Sonne in den Stall. Die Hitze kann eine Kuh nur über die Transpiration, die Atmung, die Abstrahlung, über die Luftströmung oder Stallbauteile, mit denen sie in Berührung steht, wieder abgeben. Begrenzende Faktor dabei ist die Lufttemperatur. Steigt sie auf mehr als 20 °C, hat die Kuh keine Chance mehr, Wärme abzugeben.

Gravierende Folgen durch Hitzestress

Die Folgen der inneren Aufheizung können gravierend sein, so Zahner. Kommt es zu einer milden Form von Hitzestress, suchen die Kühe Schattenplätze auf und erhöhen ihre Atemfrequenz, die Blutgefäße erweitern sich und die Tiere geben weniger Milch. Mäßiger Hitzestress lässt sich an der erhöhten Speichelproduktion und Herzfrequenz erkennen, an der reduzierten Futter- und steigenden Wasseraufnahme sowie am Rückgang der Milchleistung und der Fruchtbarkeit. Die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Blut erhöht sich, die Krankheitsanfälligkeit der Kuh steigt und ihre Liegezeiten verkürzen sich, was wiederum zu einer stärkeren Belastung der Klauen führt. Ausdruck der Stresssituation sind auch die im Sommer deutlich erhöhten Zellgehalte in der Milch. Da könne sich der ökonomische Schaden durch Hitzestress schnell auf 200 € pro Kuh und Jahr summieren.
Zwar kann die Kuh den Hitzestress über eine ausreichende Nachtabkühlung teilweise kompensieren, dennoch leidet das bayerische Milchvieh im langjährigen Mittel unter 700 Stunden jährlich unter Hitzestress. Durch den Klimawandel wird die Zahl der heißen Sommertage zudem weiter zunehmen. Also muss man reagieren, besonders über eine ausgewogene Futterration und ausreichende Wasserversorgung für die Kühe, mit einer möglichst geringen Dach­neigung und einer mehrschaligen Dacheindeckung bei Stallneubauten und mit dem Verzicht auf Lichtplatten auf der Südseite des Stalldachs. Zudem stehen verschiedene Belüftungssysteme zur Verfügung:

  • Querlüftung: Hubfenster oder Curtains an den Stallseitenwänden reduzieren die Luftfeuchtigkeit, erfordern jedoch Wind, um zu funktionieren. Außerdem muss der Stall zur Hauptwindrichtung ausgerichtet werden.
  • Trauf-First-Lüftung: Voraussetzung für ihr Funktionieren sind Temperaturdifferenzen zwischen den Luftschichten und ein Aufwärmen der Luft im Stall.
  • Kuhduschen: Sie nutzen das Phänomen der Verdunstungskälte. Die Luft muss Feuchtigkeit aufnehmen können und das Wasser ausreichend Zeit zum Verdunsten haben. Kuhduschen erzeugen einen feinen Wassernebel, kühlen jedoch nur begrenzt. Soll die Kuh direkt beduscht werden, ist der Auslauf ein optimaler Standort für die Dusche.
  • Ventilatoren: Sollen sie nicht nur Strom vergeuden, sondern auch gut wirken, müssen sie frische Außenluft anziehen können. Ventilatoren sind so einzubauen, dass sie die natürliche Luftbewegung im Stall unterstützen. In Längsrichtung eingebaute Ventilatoren haben den Vorteil einer gezielten Einwirkung auf den Liegebereich der Kühe und tragen zur Abtrocknung der Laufflächen bei.

Wie Zahner versicherte, stellen Luftgeschwindigkeiten von bis zu 5 m pro Sekunde und damit auch stärkere Ventilatoren kein Problem für die Kühe dar. Freilich kostet der Betrieb der Luftschaufeln bei einem Strompreis von 26 Ct/kWh jährlich 10 bis 30 € pro Kuh – gegenüber den möglichen Folgekosten des Hitzestresses nur ein Klacks. Am besten überlässt der Landwirt die Steuerung der Ventilatoren einer Automatik, die sich an der Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit im Stall orientiert. Optimal sind Ventilatoren, die sich direkt über den Liegereihen befinden, eine Wurfweite von 15 bis 20 m aufweisen und entweder direkt in der Giebelwand oder 2,5 m davor eingebaut sind. Wenn möglich, sollten sich keine Gitter vor den Ventilatoren befinden, was aber eine Einbauhöhe von mindestens 2,7 m erfordert. Der Einbauwinkel sollte sich je nach Einbauhöhe und Wurfweite auf 15 bis 25 Grad belaufen.

Kritik an hohem Antibiotika-Einsatz

Im zweiten Fachvortrag stellte Charlotte Stricker, ebenfalls vom LfL-Institut für Landtechnik und Tierhaltung, das RAST-Projekt zum selektiven Trockenstellen beim Milchvieh vor. Anstoß zum Forschungsprojekt gab die wachsende Kritik am Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Auf den Milchviehbetrieben werden Kühe am Ende der Laktation häufig mit Hilfe eines antibiotischen Schutzes trockengestellt, um eventuelle bakterielle Entzündungen zu heilen und das Euter gegen Infektionen zu schützen. Ein großer Teil der zur Verfügung stehenden Antibiotika ist zur Mastitisbekämpfung zugelassen, erklärte Stricker. Rund die Hälfte der eingesetzten Mengen wird während der Trockenstellphase angewandt, gut 90 Prozent der deutschen Milchkühe werden antibiotisch trockengestellt – und das häufig ohne vorherige Diagnosestellung.
Wer jedoch über die allgemeine Eutergesundheit seiner Herde Bescheid weiß, kann die Kühe anhand ihres individuellen Gesundheitsstatus vorab selektieren und gesunde Tiere ohne Antibiotika trockenstellen. Euterkranke oder anderweitig bakteriell infizierte Kühe lassen sich dann immer noch mit einem Antibiotikum behandeln. Um der Forderung nach einer Antibiotika-Reduzierung nachzukommen, arbeitet die LfL gemeinsam mit der LMU München und dem Tiergesundheitsdienst an einer praxistauglichen Routine für das Trockenstellen mit einem verringerten Einsatz von Antibiotika. Das RAST-Projekt ist auf eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren ausgelegt und umfasst insgesamt 20 bayerische Milchviehbetriebe.
Untersucht werden dabei, so Stricker, Faktoren, die den Erfolg der selektiven Trockenstellung beeinflussen. Die Risiken für die Kühe und den Landwirt werden bewertet, Entscheidungsverfahren unter Praxisbedingungen päzisiert und weiterentwickelt – alles mit dem Ziel, den Einsatz von Antibiotika in der Milchviehhaltung zu reduzieren. In mehreren Screenings wird der Status der Eutergesundheit in den jeweiligen Kuhherden ermittelt und die Tiere anschließend auf Basis der gewonnenen Informationen individuell trockengestellt. Erleichert wird den Milcherzeugern die Entscheidung für und wider eine antibiotische Behandlung der Trockensteher durch einen ausgefeilten Entscheidungsbaum. Zugleich werden in den teilnehmenden Betrieben die produktionstechnischen Rahmenbedingungen dokumentiert und ausgewertet. Die umgangreiche Datensammlung soll es Stricker zufolge ermöglichen, das selektive Trockenstellen mit Blick auf die Eutergesundheit und die Wirtschaftlichkeit zu beurteilen.
Einer der 20 bayerischen Betriebe, die sich am RAST-Projekt beteiligen, ist der Milchviehbetrieb von Tobias Weizenhöfer in Haldenwang im Landkreis Oberallgäu. Der Junglandwirt hält 70 Kühe und macht seit April 2016 beim selektiven Trockenstellen mit. Seither konnte er den Einsatz von Antibiotika in seiner Kuhherde um fast 50 Prozent reduzieren. „Ich sehe hier eine deutliche Tendenz zum Guten“, betonte Weizenhöfer. „Das selektive Trockenstellen mit möglichst wenig Antibiotika lohnt sich nicht nur für den Geldbeutel, sondern ist auch wichtig für das Ansehen der bäuerlichen Tierhaltung in der Gesellschaft.“ Außerdem sei es für die Milchviehhalter besser, bei der Antibiotika-Reduzierung selbst voranzusprechen, bevor sie die Politik mit immer strengeren Auflagen dazu zwingt.Michael

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