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Ausbildung

Vielfalt nicht für Gotteslohn

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Michael Ammich
am
15.07.2019

Landwirtschaftsschüler informieren sich über Maßnahmen zum Artenschutz.

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Als Landwirt mit der Artenvielfalt gutes Geld verdienen? Wie’s geht, erfuhren Studierende der Augsburger Landwirtschaftsschule auf einem Biodiversitätsschultag am Hof der Familie Pech. Nahe Klosterlechfeld hatte die Familie ein intensiv genutztes Stück Grünland in ein Arten- und Blühparadies verwandelt. Für lau macht sie das natürlich nicht. „Ich bin zwar grün angehaucht, aber in erster Linie bin ich Unternehmer“, erklärt Betriebsleiter Arthur Pech. Die Wiese hat er günstig von der Gemeinde gepachtet, aus dem Vertragsnaturschutzprogramm fließen jährlich pro Hektar insgesamt 470 € an Fördergeldern auf sein Konto.

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Junior Stefan Pech weiß, was Bienen brauchen. Er besucht nicht nur das zweite Semester der Landwirtschaftsschule, sondern nennt auch neun Bienenvölker sein Eigen. Mit seiner Familie bewirtschaftet er in Untermeitingen einen konventionellen Ackerbaubetrieb mit 90 ha Nutzfläche, zu denen 20 ha extensiv genutztes Grünland und 7 ha Luzerne gehören. Die Milchviehhaltung wurde vor acht Jahren aufgegeben. Ganz freiwillig findet die extensive Wirtschaftsweise auf der 4,5 ha großen Wiese allerdings nicht statt, räumt der Studierende ein. Zum einen gilt für die Wiese unweit der B 17 in der Lechebene ein Umbruchverbot, zum anderen ist der Verzicht auf Dünger und Pflanzenschutz Bestandteil des Pachtvertrags. Solche Wiesen werden von den Kommunen oft als Ausgleichsflächen vorgehalten, mit denen sie Ökopunkte sammeln können, erklärt Pech.

Da lag es nahe, für das naturnahe Stück Magerrasen die Aufnahme in das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) zu beantragen. So lassen sich eine jährliche Prämie von 320 €/ha für die extensive Mähnutzung mit Schnittzeitpunkt 15. Juni und eine weitere Prämie von 150 € für den kompletten Verzicht auf Düngung und chemischen Pflanzenschutz abschöpfen. Der Aufwuchs wird entweder als Heu verkauft oder wandert in das Lamerdinger Trocknungswerk.

Ein wenig Ärger machen Pech nur die vielen Mäuse, die auf der Vertragsfläche ihr Unwesen treiben. Auf das Aufstellen von Sitzstangen für Mäusebussard & Co verzichtet er dennoch. „Ich habe hier nämlich noch nie einen Greifvogel fliegen sehen.“ Aber Hochleistungsfutter für Milchkühe lässt sich hier ohnehin nicht produzieren, also wird die Mäuseplage gelassen in Kauf genommen.
Mehr Sorgen bereitet Stefan Pech das giftige Jakobskreuzkraut, das vom Straßenrand her immer weiter in die Wiesenfläche vordringt. Er vermutet, dass es aus verunreinigtem Saatgut stammt, mit dem der Straßenrand begrünt wurde. Pech muss das Kreuzkraut mühsam mit der Hand ausstechen, wobei allein im vergangenen Jahr zwei Säcke voller Giftpflanzen zusammenkamen.

Geschäftsmodell
und Imagepflege

Dennoch rentiert sich die Wiesenpacht. Neben den stattlichen Prämien verursacht die Fläche nämlich mangels Düngung und Pflanzenschutz kaum Arbeit und nur geringe Kosten. Gemäht wird nur zweimal jährlich. Artenschutz kann also auch ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein, wie die Familie Pech beweist. Zudem ist ihr die Anerkennung der Gesellschaft und der Naturschützer sicher.
Eines der neun Bienenvölker auf dem Betrieb Pech steht am Rand der Magerwiese. Nicht nur die gezüchteten Immen, sondern auch die Wildbienen dürften dort ihre Freude an der Blütenvielfalt haben. Gemeinsam mit den Studierenden bestimmt Dr. Manuela Diethelm vom Sachgebiet Landwirtschaft am AELF Augsburg die blühenden Kräuter. Diese sind nämlich eine Voraussetzung, damit eine Wiese überhaupt in das VNP übernommen wird. Von einem artenreichen Stück Grünland lässt sich ausgehen, wenn dort vier oder mehr Blütenfarben zu sehen sind, erklärt Diethelm am Beispiel der Blühpflanzen in der Magerwiese:
  • violett: Zaunwicke, Wiesensalbei, Storchschnabel
  • weiß: Wiesenlabkraut, Gänseblümchen
  • gelb: Klappertopf, Hahnenfuß
  • blau: Vergissmeinnicht und Ehrenpreis.
Nach vier Jahren ohne Dünger und mit nurmehr zwei statt der vorherigen drei Schnitte sind hier zunächst weder Orchideen noch die typischen Magerrasengräser zu erwarten. „Die Wiese steht noch am Anfang der Extensivierung“, sagt Diethelm. Mager bedeutet nährstoffarm und auf der besichtigten Wiese zehren die Gräser immer noch vom Nährstoff aus der jahrelangen Düngung. Je geringer der Nährstoffgehalt, desto geringer die Konkurrenzkraft der Gräser und desto mehr können sich die Blühpflanzen entwickeln.
Die AELF-Mitarbeiterin stellte den Studierenden das VNP und KULAP vor und erläutert die Teilnahmebedingungen. Dazu gehört beispielsweise eine Bindungsfrist von jeweils fünf Jahren. Für das VNP gelten folgende Bedingungen:
  • Antragsberechtigt sind neben Landwirten auch Landschaftspflege- und anerkannte Naturschutzverbände.
  • Die Maßnahmen für die vier Biotoptypen Wiese, Weide, Acker und Teich werden in einer naturschutzfachlich definierten Gebietskulisse abgeschlossen. Dazu zählen FFH- und Vogelschutzgebiete, Flächen mit Vorkommen gesetzlich geschützter Biotope, mit Lebensraumtypen und Arten aus den Anhängen der Natura 2000-Richtlinien, biotopkartierte und gleichwertige Flächen sowie Flächen in Naturschutzprojekten, insbesondere in „BayernNetzNatur-Projekten“.

Auch eine Magerwiese braucht Bewirtschaftung

Man kann als Landwirt aber auch ganz allgemein etwas für den Artenschutz und ein besseres Image des Berufsstands tun, betonte die Beraterin und verwies auf die ökologischen Vorrangflächen im Greening, den fachgerechten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder die Abstimmung der Bearbeitungszeit mit der Hauptflugzeit der Bienen. Neben Blühflächen könnten die Bauern Hecken, Feldgehölze, Lesesteinhaufen oder Streuobstbestände mit artenreichem Unterwuchs anlegen, sie könnten gebietseigenes Saatgut verwenden und Ackerränder extensiv bewirtschaften.

Dass der Landwirt etwas für die Artenvielfalt tun muss, leuchtet den Studierenden ein. Was ihnen allerdings weniger gefällt, ist die Forderung der Gesellschaft nach solchen Leistungen, ohne sie angemessen honorieren zu wollen. Die Bevölkerung vergesse allzu schnell, dass auch eine Magerwiese zur Kulturlandschaft gehört und entsprechend gepflegt werden will. „Würden wir unsere Wiese sich selbst überlassen, dann holt sie sich die Natur zurück“, bestätigt Arthur Pech. Ohne Mahd würde das extensivierte Grünland zuerst verbuschen und sich dann allmählich zum Wald entwickeln. Man sieht: Auch die Bewirtschaftung von Land, also die Landwirtschaft, kann aktiver Naturschutz sein.

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