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Niedermoor

Waldbau - erfolgreich im Glücksspiel

Reischenau
Michael Ammich
am
09.07.2018

In der Reischenau wird gezeigt, wie Waldwirtschaft unter ungünstigen Bedingungen funktioniert.

Reischenau

Da wächst doch eh nichts Gescheites“ mag sich mancher Waldbesitzer denken, der in der Reischenau auf einem ungünstigen Standort seine Forstwirtschaft betreibt. In dem ehemaligen ausgedehnten Niedermoorgebiet in einer Talsenke zwischen Dinkelscherben, Horgau und Ustersbach kümmern auf trockenen Standorten die Fichten vor sich hin, während auf den feuchteren Arealen Unmengen von wirtschaftlich wertlosen Faulbäumen in die Höhe schießen. Und dennoch ist die Reischenau ein Beispiel, wie sich auch unter teils drastischen, ständig wechselnden Standortbedingungen eine ertragreiche, zukunftsorientierte Waldwirtschaft durchführen lässt. Immer vorausgesetzt, der Waldbesitzer wählt und pflegt die geeigneten Baumarten, wie Philipp Fluhr vom AELF Augsburg erklärt.

Schon im Jahr 1867 hatte ein Revierförster gegenüber dem königlichen Forstamt über die mäßigen Standortverhältnisse in der Rei­schenau geklagt. „Es finden sich vielleicht nur ein paar Fichtenstämme, welche notdürftig Schnittbäume abgeben. Es ist überhaupt auf dem dortigen Grund und Boden das Fichtenholz nicht auf seinem  rechten Platz, weil es zu schnell wächst und frühzeitig stockfaul wird. Auf einer Rundfahrt durch die Reischenau mit Philipp Fluhr, Projektmanager der „Initiative Zukunftswald Bayern“ am AELF Augsburg, wird schnell klar, was der königliche Forstbeamte mit seinem Hinweis sagen wollte. Die Kleinprivatwälder stehen auf Böden, die abrupt von nass oder feucht zu zu lehmigen Sanden und trockenen Moorböden wechseln. Da wird es schnell zu einem Glücksspiel, ob die Fichte gedeiht oder ein Opfer von Nässe und Trockenstress wird.

Flachwurzler fallen auch ohne Sturm um

Reischenau

Die Reischenau nimmt den mittleren Teil des Naturparks „Augsburg- Westliche Wälder“ ein und hat einen Waldanteil von 29 % an der Gesamtfläche der anmoorigen Talsenke. Vier Fünftel des Waldgebiets bestehen aus Fichten. Mehr als die Hälfte der Böden werden von den humusreichen, aber sauren Überresten des einstigen Niedermoors gebildet. In Muldenlagen sorgt Grundwassereinfluss für viele nasse Stellen, so dass die Fichten keine tiefen Wurzeln bilden müssen, um an das Wasser zu gelangen. Der Klimawandel hat die Verhältnisse in den vergangenen Jahren jedoch umgedreht. Die ehemals feuchten Moorschichten trocknen aus und die flach wurzelnden Fichten fallen auch ohne Sturmeinwirkung ganz einfach um.

Die Grundstücke der rund 730 Waldbesitzer in der Reischenau bewegen sich zu zwei Dritteln in einer Größenordnung von bis zu einem Hektar. Auf den wechselfeuchten Feinlehmstandorten bilden sich – abhängig von Niederschlag – wasserführende und Stau-Schichten, extreme Nassphasen gehen in extreme Trockenphasen über und umgekehrt. Das wird sich auch nicht zum Besseren wenden, sondern eher noch zum Schlechteren, befürchtet Fluhr mit Blick auf die zunehmende Erd­erwärmung. Während die Fichten in den Nassphasen ein leichtes Opfer von Windwürfen werden, leiden sie bei Wassermangel unter Trockenschäden.

Verteufeln will Fluhr die Fichte nicht, aber als flächendeckende Hauptbaumart habe sie in der Reischenau definitiv ausgedient. Ihre Berechtigung finde sie nur noch auf wenigen Standorten in gemischten Beständen, betont der Forstmann.

Wechselnde Bodenverhältnisse

Reischenau

Oft gehen in der Reischenau die nassen Böden unvermittelt in sandig-lehmige Böden über, die wenig nährstoffreich sind und kaum Wasser speichern. So zeigt sich der seltene Anblick von ertragsstarken Fichten direkt neben Erlen, die zwar ökologisch gut in den anmoorigen Naturraum passen, aber forstlich ertragschwächer sind. Wenn Philipp Fluhr seinen Bohrstock einen Meter tief in den Boden schlägt, offenbart sich das Dilemma: In der oberen Hälfte des Stocks befindet sich lockere humose und saure Erde, in der unteren Hälfte aber nährstoff- und wasserarmer lehmiger Sand.

Und trotzdem ermöglicht die wasserarme Lehmschicht eine solide Forstwirtschaft, versichert Fluhr. Sowohl die Douglasie als auch die Buche könnten gut mit dem immer häufiger auftretenden Trockenstress umgehen, während die Fichte auf solchen Standorten mittelfristig zum Tode verurteilt sei. Die Kiefer wäre ebenfalls für die wechselfeuchten Böden geeignet. Auf tiefgründigen Standorten mit Altholzschirmen, die jüngere Bäume vor Spätfrösten schützen, würden auch Tannen und Birken gedeihen.

Die Erle wiederum ist zwar ein forstwirtschaftlches Nischenprodukt, wächst dafür aber sehr schnell und verfügt über eine gute Astreinigung. Im übrigen, so Fluhr, werden auch Erlen und  Birken beispielsweise als Naturverjüngung mit 1100 € pro Hektar vom Staat gefördert. Für die Bestandsbegründung mit den beiden Baumarten gibt es einen Zuschlag von bis zu 1,50 € pro Forstpflanze.

In Fluhrs Augen wird die Birke von den Waldbesitzern ohnehin zu wenig geschätzt. Sie habe den Vorteil, dass sie sich schnell selbst verjüngt und sich in ihrer Jugend schnell entwickelt. Außerdem sei Birkenholz bei Schreinern sehr gefragt. Allerdings muss die Birke gut gepflegt werden, um brauchbare Qualitäten zu erzielen. Wird sie frühzeitig entastet, kann sie bereits im Alter von 60 Jahren Wertholz liefern.

Angepasste Baumarten

Reischenau


Die heimische Stieleiche käme ebenfalls gut mit den wechselfeuchten Standorten in der Reischenau zurecht, allerdings scheut hier mancher Waldbesitzer vor den hohen Begründungskosten zurück. „Trotz der schwierigen Standortverhältnisse gibt es also doch eine ganze Palette an Baumarten, die für die Reischenau geeignet sind“, bekräftigt Fluhr. Entscheidend ist die Pflege, so müssten die Naturverjüngungen und Neubegründungen regelmäßig von konkurrierenden Pflanzen wie dem überall üppig sprießenden Faulbaum, von der Himbeere und Brombeere befreit werden.

Für die anmoorigen Standorte kommen neben der Birke vor allem die Erle, die Stieleiche und eventuell noch die Tanne in Betracht. Sind die Böden noch stärker moorig, bleiben Erle und Birke die Bäume der Wahl. Unter dem schützenden Schirm einer Birken-Naturverjüngung könnte hier und dort sogar eine Tanne gedeihen.

 „Gerade bei solch schwierigen Standortbedingungen sollte der Waldbesitzer den Mut aufbringen, mit Mischungen zu spielen und damit das waldbauliche Risiko zu reduzieren“, sagt Fluhr. „Auf jeden Fall müssen wir in der Reischenau von den fichtendominierten Beständen wegkommen.“ Als Option bringt der Zukunftswald-Manager schließlich noch die Kiefer ins Spiel. Die Baum­art komme sowohl mit sehr nassen als auch sehr trockenen Böden zurecht. In der Reischenau könne die Kiefer allerdings kaum eine gute Qualität entwickeln, da die wechselfeuchten Standorte noch immer zu viel Nährstoffe und Wasser liefern. Dadurch wird die Kiefer schnellwüchsig, was zu Qualitätseinbußen führt. Als Mischbaumart zur Stabilisierung der forstwirtschaftlich interessanten Bestände ist sie aber aufgrund ihrer tiefen Wurzeln gut geeignet.

Mit ihrem großen Privatwaldanteil und ihren vielen Waldbesitzern erkennt Philipp Fluhr in der Rei­schenau trotz der schwierigen waldbaulichen Verhältnisse ein echtes Zukunftswaldprojekt. Er will den Waldeigentümern Lösungsansätze aufzeigen und hat von ihnen bereits ein „gutes Feedback“ erhalten. „Sie wissen um die Problematik der Reischenau und wollen sich informieren. Die Waldbesitzer spüren, dass sich ihre Forstwirtschaft nicht mehr wie in den vergangenen Jahrzehnten weiterführen lässt“, betont Fluhr.

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