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Digitalisierung

Weg vom Image der Insektenkiller

Michael Ammich
am
26.03.2018

Mehr Schutz für Käfer, Bienen und andere Insekten – in der Digitalisierung der Landwirtschaft laufen die Fäden zusammen.

Auf der gemeinsamen Marktfrucht-Fachtagung des Erzeugerrings für Pflanzenbau Südbayern und des AELF Augsburg kamen Imkereifachberater Arno Bruder und der Günzburger Kreisobmann Stephan Bissinger zum selben Schluss: Digitalisierung und Precision Farming bieten eine große Chance, sich vom Image der Insektenvernichter zu befreien, einen starken Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz zu leisten, den Geldbeutel zu schonen und darüber hinaus an Produktionseffizienz und persönlicher Entspannung zu gewinnen.

Eröffnet wurde die Fachtagung in Laimering mit den Mitgliederversammlungen des Erzeugerrings für Pflanzenbau und der Saatgetreideerzeugervereinigung (SGV) Schwaben. Die Ernte 2017 wurde gut und in ordentlichen Mengen eingebracht, stellte SGV-Vorsitzender Hubert Jakob fest. „Bei der Vermarktung spielten uns die Wetterbedingungen in die Karten, so dass kein Saatgut liegen blieb.“ Jakob appellierte an die Ackerbauern, möglichst auf Saatgut aus der Region zurückzugreifen, damit die Wertschöpfung vor Ort bleibt. Wie Geschäftsführerin Monika Janitschek mitteilte, liegt die Zahl der schwäbischen Mitglieder im Erzeugerring Südbayern aktuell bei 7672.

Dramatischer Insektenrückgang

Saatgetreide

Franz Steppich vom Fachzentrum Pflanzenbau am AELF Augsburg blickte auf die Entwicklungen in der Saatgutvermehrung. Demnach haben schwabenweit 66 Vermehrer insgesamt 1835 ha Vermehrungsfläche angemeldet. Davon wurden lediglich 28 ha nicht anerkannt, vor allem aufgrund eines hohen Befalls mit Flughafer und von Durchwuchsproblemen.

Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Vermehrungsfläche belief sich in Schwaben auf 395 ha. Den größten Teil der Flächen nahmen Winterweizen mit 599, Wintergerste mit 269 und Sommergerste mit 259 ha ein. Größere Schwierigkeiten hatten insbesondere die Vermehrer von Ackerbohnen. Schadinsekten und eine verminderte Keimfähigkeit hatten dazu geführt, dass in Schwaben 60 % der Ackerbohnenvermehrungsflächen aberkannt wurden.

Von einem „dramatischen Insektenrückgang“ sprach Bruder in seinem Fachvortrag. So sei beispielsweise mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Wildbienenarten in ihrem Bestand bedroht. Seit 1989 hat sich die Zahl der Fluginsekten in manchen Regionen um 80 % verringert, klagte der Fachberater für Imkerei des Bezirks Oberbayern. „Erst stirbt die Biene und dann der Mensch.“ Fehle die Biene, könnten ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten. Laut Bruder sind sich die Forscher einig: Haupt­ursache des Bienensterbens ist die industrialisierte Landwirtschaft und nicht der Klimawandel.

Bienen und Käfer bestäuben die Pflanzen

Die wichtigste Aufgabe der Bienen und anderer Fluginsekten ist die Bestäubung der Pflanzen als Grundvoraussetzung für deren Fruchtbarkeit und damit für gute Erträge. Allerdings seien die Bienen an der Bestäubung nur zu 17 %, Käfer jedoch zu 88 % beteiligt. Alle tierischen Bestäuber haben nur ein Ziel, sagte Bruder, nämlich erfolgreich Pollen als Grundnahrung zu sammeln.

Bei dieser Tätigkeit besuchen die Mitglieder eines Bienenvolks Blüten im Umkreis von bis zu drei Kilometern rund um ihren Stock. Angeflogen werden alle Pflanzen, die Nektar, Honigtau, Pollen, Harz oder Wasser liefern. Pro Quadratkilometer sind drei bis sechs Bienenvölker erforderlich, um eine ausreichende Bestäubung der Pflanzen zu gewährleisten. Dabei kann ein einziges Bienenvolk jährlich bis zu 40 kg Honig und 1,2 kg Bienenwachs generieren – eine enorme Leistung, denn dafür müssen die Immen rund eine Billion Blüten anfliegen.

Wie Versuche ergaben, bilden Pflanzen deutlich weniger Samen aus, wenn die Bienen fehlen. Das zeigt sich ganz besonders beim Raps. Kann der Anbauer einen Imker dafür gewinnen, Bienenstöcke am Rapsfeld­rand aufzustellen, darf er mit einem Mehrertrag von bis zu 50 % rechnen. Ein deutliches Ertragsplus gibt es auch bei Rotklee, Luzerne, Erbsen und Sojabohne. Wer sein Rapsfeld zur Blütezeit mit Pflanzenschutzmitteln behandelt, riskiert nicht nur den Tod vieler Bienen, sondern sorgt auch für kontaminierten Honig, warnte Bruder. In Honigproben sei bereits eine 400-fache Überschreitung des zulässigen Glyphosat-Grenzwerts festgestellt worden.

Ein Dorn im Auge des Imkerei-Fachberaters ist die „Vermaisung der Landschaft“. Jedes Jahr führe gebeiztes Maissaatgut zu Bienenschäden. Entgegen der landläufigen Meinung werde der Mais zur Blütezeit sehr wohl von Bienen angeflogen, ebenso wie die Kartoffeln, von denen die Bienen den Honigtau der Läuse sammeln. Auf das Etikett „B4“ (nicht bienengefährlich) auf den Pflanzenschutzmitteln sollten sich die Landwirte nicht verlassen, wenn es nach Bruder geht. Nachgewiesenermaßen könnten auch B4-Mittel die Bienen schädigen, und sei es durch die Beeinträchtigung ihrer Kommunikationsfähigkeit. „Hier sind die Aussagen von offiziellen Stellen häufig falsch und irreführend.“

Digitalisierung könnte die Bienen retten

Bienenfreundliche Kulturen sind Leguminosen, Ölsaaten und ungedüngte Wiesen. Aber auch Getreidefelder können durchaus bienenfreundlich sein. „Ist es wirklich ein großes Problem, wenn im Getreide Kornblumen stehen?“ Könnten die Biogaserzeuger nicht den Mais reduzieren und dafür mehr blühende Energiepflanzen anbauen?, fragte der Fachberater in die Runde. Bruder forderte ein neues Modell der Pflanzenschutzmittelzulassung, das
den Bienenschutz stärker als bisher berücksichtigt.

Große Chancen für den Erhalt der Bienenbestände sieht er auch in der Digitalisierung der Landwirtschaft, besonders in der sensorgesteuerten Anwendung von Pflanzenschutzmitteln.

Genau hier setzt auch Stephan Bissinger an. Der Agraringenieur und Günzburger BBV-Kreisobmann wendet digitale Technik beim Pflanzenschutz nicht nur auf seinem eigenen Betrieb in Ichenhausen an, sondern als Lohnunternehmer auch auf fremden Feldern. Bissinger arbeitete bis vor wenigen Jahren bei Same Deutz-Fahr in Lauingen als Marketing-Manager.

Heute ist er als Beratungslandwirt für die Agrarsoftware-Firma Helm tätig und stellt seinen Hof als Testbetrieb zur Verfügung. Dieser ist außerdem als Demon­strationsbetrieb für den Gewässerschutz anerkannt. Schwerpunkt ist der Anbau von Kartoffeln, Zuckerrüben, Roten Rüben und Weizen. Um größere Schläge zu bewirtschaften, hat sich Bissinger auf freiwilliger Basis zum Flächentausch mit Berufskollegen entschlossen.

Ein Schwerpunkt der Digitalisierung auf dem Ichenhausener Betrieb ist die elektronische Ackerschlagkartei „myfarm24“ von Helm. Laut Bissinger bietet sie viele Vorteile, beispielsweise die Erstanlage der Schläge und ihrer Umrisse aus den InVeKoS-Antragsdaten mit einem Klick, CC-sichere Stammdaten, einen grafischen Anbauplan, die Planung von teilflächenspezifischer Bewirtschaftung, die mobile Nutzung über das Smartphone, eine ISOBUS-Schnittstelle und den Austausch mit anderen Betrieben, die ebenfalls die Plattform „myfarm24“ nutzen.

Außerdem können Kunden, die ihren Pflanzenschutz von Bissinger erledigen lassen, über die Plattform Schläge freigeben. Über „myfarm24“ teilt dieser per Smartphone die Arbeit, die Mitarbeiter und die Schläge ein und erledigt die Planung der Düngung und Betriebsmittel. Zugleich überprüft die Software, ob beim Pflanzenschutz alle Auflagen wie die Zulassungen und Gewässerabstände eingehalten werden. Möglich ist überdies das Flottenmanagement bei der Häckselkette oder beim Kartoffelroden.

Genauer dank GPS

Ein weiteres unverzichtbares digitales Hilfsmittel ist für Bissinger bereits seit zwölf Jahren das GPS als Parallelfahrhilfe mit 20 cm Genauigkeit. Seit 2008 setzt er auch ein RTK-Lenksystem mit Lenkradmotor ein. Das RTK-Signal empfängt er von einem lokalen Landtechnikhändler. Derzeit muss Bissinger dafür noch bezahlen, aber in absehbarer Zeit wird die bayerische Vermessungsverwaltung kostenlos ein Signal bereit stellen.

Das RTK-Verfahren bringt nicht nur mehr Produktqualität wie eine stark verringerte Anzahl grüner Kartoffeln, weniger Beimengen, eine bessere Sortierung und keine Überlappung beim Fahren. Das Signal sorgt auch dafür, dass Bissinger seine Böden durch weniger Verdichtung und Betriebsmitteleinsatz nachhaltiger bewirtschaften kann. Zudem steigt die Lebensqualität. „Ich kann jetzt viel entspannter arbeiten und früher in den Feierabend gehen“, versicherte der Agraringenieur. Er verschwieg aber auch nicht den Nachteil der RTK-Technik: Sie verursacht hohe Kosten, das Gesamtsystem ist anfällig, der Landwirt benötigt viel Erfahrung und macht sich abhängig.

Der „Agrimentor“ ist ein guter Assistent

Die ISOBUS-Schnittstelle setzt Bissinger bislang nur bei seiner Pflanzenschutzspritze ein, in die sich das GPS-Signal des Schleppers einbinden lässt. Aber auch diese Technik erfordert einen routinierten Anwender, so der Kreisobmann. Andererseits sorgt die „digitale“ Feldspritze dafür, dass das Pflanzenschutzmittel auf der Zielfläche bleibt, es nicht zu Doppelbehandlungen kommt und sich Ausschlussbereiche festlegen lassen. Um seine Felder regelmäßig zu kontrollieren, greift Bissinger auf eine Drohne und Satellitenbilder zurück. So kann er beispielsweise gezielt mit einer Reifeförderung eingreifen.

Hieb- und stichfest ist die Dokumentation bei CC, der Düngeverordnung, von Global Gap Kartoffel, GQ Bayern Gemüse und Getreide über den Pflanzenschutz-Assistenten „Agrimentor“ (myfarm24). Aber die Basisdaten müssen sauber in der Schlagkartei eingetragen sein. Ist der Kontrolleur auf dem Hof, läuft die Prüfung durch die ausgedruckten Listen aus dem „Agrimentor“ sehr zügig ab, versichert Bissinger.

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