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Versammlung

Wind bläst heftig ins Gesicht

MN-Bauerntag DLG-MA-18.5.-2
Michael Ammich
am
17.06.2019

DBV-Vizepräsident Karsten Schmal beim Bauerntag des BBV Dillingen.

MN-Bauerntag DLG-MA-18.5.-1
Ärger und Frust sitzen tief, doch die schwäbischen Bäuerinnen und Bauern sind keine Flachwurzler, sondern mit Leib und Seele tief in ihrem Beruf und ihren Höfen verankert. Auf dem Bauerntag in Dillingen beschenkte der BBV-Kreisverband 18 junge Hofnachfolger mit Hofbäumen als Zeichen der Anerkennung für ihren Mut, ihre Treue zum bäuerlichen Berufsstand und ihren festen Willen, das Lebenswerk ihrer Eltern fortzuführen. Der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, Karsten Schmal, gratulierte den jungen Leuten zu ihrer Entscheidung. Auch an ihnen liege es jetzt, den Naturschützern zu zeigen, dass die Landwirtschaft nicht das Problem, sondern Teil seiner Lösung ist.
Mit der Übergabe von Hofbäumen an die Hofnachfolger führt der Kreisbauernverband eine Tradition fort, die seit 1990 fester Bestandteil seiner Bauerntage ist, erklärte Kreisobmann Klaus Beyrer. Seither wurden insgesamt mehr als 600 Hofbäume übergeben. Wie ein landwirtschaftlicher Betrieb sei auch ein Baum auf Nachhaltigkeit und ein langes, Generationen übergreifendes Leben angelegt. Mit den Hofbäumen bekunde der BBV den Hofnachfolgern seinen Respekt für ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Beyrer räumte ein, dass der Wind den Bäuerinnen und Bauern derzeit heftig ins Gesicht bläst. Die Kritik an der Landwirtschaft führte der Kreisobmann vor allem auf die Unwissenheit der Bevölkerung zurück. Das Volksbegehren zur Artenvielfalt habe gezeigt, dass es in der Gesellschaft Strömungen gebe, die den Bezug zur Realität verloren haben. Diese sehe nämlich so aus, dass in Bayern bereits die Hälfte der bäuerlichen Flächen dem Kulap, dem Vertragsnaturschutzprogramm und verschiedenen Agrarumweltmaßnahmen unterliege. Beyrer appellierte an die Politik, das Begleitgesetz zum Volksbegehren so zu gestalten, dass die Bauern auch künftig noch vernünftig wirtschaften können.
Vize-Landrätin Ingrid Krämmel bedauerte, dass insbesondere kleinere bäuerliche Betriebe immer mehr um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Schwierigkeit, angemessene Einkommen zu erzielen, verbinde sich mit den Vorurteilen der Bevölkerung gegenüber der Landwirtschaft. Umso mehr freute sich Krämmel, dass sich dennoch junge Menschen finden, die ihre Betriebe fortführen und weiterentwickeln wollen. „Die Gesellschaft braucht unsere Landwirte“, rief Krämmel den Hofnachfolgern zu.

Kein Platz fürs oberflächliche Feiern

BBV-Direktor Walther Pittroff bescheinigte den Veranstaltungen des Dillinger BBV ein „ganz besonderers Niveau“. Für oberflächliches Feiern ist auch wenig Platz in der Verbandsarbeit. Pittroff wies auf die zahlreichen Baustellen hin, mit denen sich der BBV beschäftigen muss: Anbindehaltung, Klimaschutz, Afrikanische Schweinepest, Blauzungenkrankheit, Düngeverordnung. In all diesen Punkten versuche der Verband als Stimme aller Bäuerinnen und Bauern zu sprechen. Er verweigere sich keineswegs den gesellschaftlichen Anforderungen an die Landwirtschaft, sondern stehe für ihre kontinuierliche Weiterentwicklung. Diese müsse allerdings auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und nicht auf gesellschaftlichem Wunschdenken beruhen.
Die Gesellschaft müsse begreifen, dass eine Agrarlandschaft keine Freizeitlandschaft ist und trotzdem artenreich sein kann. Die wichtigste Aufgabe der bäuerlichen Familien sei immer noch die Produktion von gesunden und sicheren Nahrungsmitteln, betonte Pittroff. Daher sei es nicht angebracht, auch noch die fruchtbarsten Böden zu extensivieren.
Der Dillinger Stadtrat und Vorsitzende des VLM Schwaben, Dietmar Reile, sah stürmische Zeiten für die Landwirtschaft. Diese würde ja gerne wieder größere Schritte vorwärts machen – „aber wie soll das funktionieren, wenn man die Gesellschaft gegen sich hat?“. Reile bedauerte, dass die hervorragende Ausbildung der Bäuerinnen und Bauern nicht mehr angemessen gewürdigt werde. Es würden aber wohl auch wieder Zeiten kommen, in denen die Menschen nicht nur an die Natur, sondern auch an ihre Ernährung denken.
Alexander Jall, Vorstand der VR-Bank Donau-Mindel, die den Dillinger Bauerntag gesponsert hat, zog in seinem Grußwort Parallelen zwischen der Landwirtschaft und dem Bankenwesen. Beide Branchen würden in den Medien oft realitätsfern dargestellt. Sowohl die Geldinstitute als auch die Landwirtschaft seien einem anhaltenden Strukturwandel unterworfen, wie die ständig sinkende Zahl der selbständigen Genossenschaftsbanken zeigt. Diese Entwicklung belege aber auch, dass beide Branchen anpassungsfähig sind. „Nur wer zu Veränderungen bereit ist, kann mutig in die Zukunft blicken“, sagte Jall.
In seiner Festrede befasste sich Karsten Schmal mit der „Landwirtschaft zwischen Marktrealität und Verbraucherwunsch“. Schmal agiert als Präsident des Hessischen Bauernverbands, als Vize- und Milchpräsident des Deutschen Bauernverbands und bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb mit 200 Kühen und 250 ha. Zu allererst würdigte er die Leistung der Bäuerinnen: „Wenn ich sechs Tage von unserem Betrieb weg bin, läuft er reibungslos weiter, aber wenn meine Frau zwei Tage weg ist, dann bricht er zusammen.“ Ein bäuerlicher Betrieb verlangt also ohnehin schon großen Arbeits- und Kapitaleinsatz, und wenn dann auf Wunsch der Gesellschaft immer mehr Anforderungen dazukommen – wer soll das bezahlen?
Als Triebfedern des Strukturwandel nannte Schmal den Preisdruck aus dem Lebensmitteleinzelhandel, die zunehmend strengen Umwelt- und Tierschutzauflagen und nicht zuletzt die öffentliche Diskussion um die konventionelle Landwirtschaft. „Besonders unsere jungen Bäuerinnen und Bauern leiden unter den Vorurteilen.“ Die deutschen Landwirte seien bestens ausgebildet, bewirtschaften hervorragende Böden und verfügten über die modernste Technik, stellte Schmal fest. Aber was hilft das, wenn sie auf den liberalisierten Weltmärkten unter Wettbewerbsverzerrungen leiden? Umso wichtiger seien internationale Handelsabkommen, die gleiche Standards setzen.

Der Vizepräsident räumte ein, dass der Bauernverband oft nur schwer und langsam zu Entscheidungen findet. „Wenn sich das nicht ändert, haben wir verloren“, befürchtete Schmal. Ebenso gelte es, die Emotionen aus den verbandsinternen Diskussionen zu nehmen. Statt dessen müsse die Landwirtschaft neue Ideen entwickeln und kreativ werden, wie es andere Länder, beispielsweise Irland mit seiner Milchwirtschaft, vormachen. „Der Wurm muss nicht dem Angler, sondern dem Fisch schmecken“, sagte Schmal mit Verweis auf die veränderten Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung. Auf der anderen Seite gelte es dem Verbaucher klar zu machen, dass zusätzliche Leistungen auch Zusatzkosten verursachen. „Die deutschen Bauern können alles, aber nicht zum Nulltarif.“

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