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Alpwirtschaftlicher Verein

Wolf bereitet weiter Verdruss

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Susanne Lorenz-Munkler
am
29.04.2019

Bei der Jahreshauptversammlung des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu wurde erneut der Auszug des Alpviehs ohne Bei der Jahreshauptversammlung des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu wurde erneut der Auszug des Alpviehs ohne Schellen und Kranz angedroht.

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Vom „wärmsten Alpsommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“ berichtete der Vorsitzende des 1812 Mitglieder zählenden Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu e. V. (AVA), Franz Hage, auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung in Fischen. Rund 400 Mitglieder und zahlreiche Ehrengäste waren nach Fischen gekommen, um sich über aktuelle Entwicklungen in der Alpwirtschaft zu informieren. Die Futtersituation 2018 sei sehr gut gewesen, so Hage in seinem Rückblick. Nur einige vorgelagerte Landalpen hätten Probleme mit der Trockenheit gehabt und einige Alpen Wasserprobleme. „Unfälle gab es wenige, das Alpvieh kam gesund und wohlgenährt in die heimischen Ställe zurück“, freute sich Hage. Eine durch und durch positive Bilanz, auch wenn die Themen „Wolf“ und „Mountainbiker“ weiterhin für Verdruss und Ärger bei den Älplern sorgen.

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Der Geschäftsführer des Vereins, Dr. Michael Honisch, nannte Zahlen: Der Bestoß war fast gleich wie im Vorjahr. Auf 696 Alpen seien 22 910 Tiere gesömmert worden, davon 19 432 Schumpen, 2291 Kühe, 148 Mutterkühe, 314 Stiere und 227 Pferde. Dazu Schafe, Ziegen und Schweine. Die Vorteile der Älpung für die Tiergesundheit würden bei den Züchtern sehr geschätzt. Aber auch die 170 kg-N-Regelung der Düngeverordnung zwinge viehstarke Betriebe zur Auslagerung des Jungviehs. Und schließlich setze die Weideprämie positive Anreize.

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Honisch bedauerte, dass bei gleichbleibend gutem Beschlag sich leider die Anzahl der auf den Alpen gehaltenen Kühe sowie die Anzahl der käseproduzierenden Sennalpen im Sinkflug befinde. „Auf nur noch 42 Sennalpen wird Bergkäse produziert“, so Honisch. Die Förderung der Sennalpwirtschaft sei ein besonderes Anliegen des Alpwirtschaftlichen Vereins. Deshalb würden vom AVA zusammen mit der muva Kempten und der Landesanstalt für Landwirtschaft beispielsweise Alpsennkurse durchgeführt. Die Menge des 2018 produzierten Käses habe dennoch – aufgrund der guten Futtersituation – über dem Niveau der Vorjahre gelegen.

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Breiten Raum in den Ausführungen des Vorsitzenden und des Geschäftsführers nahm das Thema Agrarpolitik ein. Die Benachteiligung aufgrund der naturgegebenen Produktionsbedingungen im Berggebiet mache ein zielgerichtetes Fördersystem notwendig. Angesichts der GAP-Vorschläge vom 1. Juni 2018 wäre aus Sicht des AVA vor allem eine verbesserte Förderung kleinerer Betriebe und eine Kopplung der Zahlungen an die Viehhaltung im Berggebiet notwendig, ähnlich wie in Österreich. Den Agrarumweltmaßnahmen komme in der Alpwirtschaft eine große Bedeutung zu. „In der Alpwirtschaft kommt auch immer mehr das Vertragsnaturschutzprogramm zum Tragen. Für die Land- und Forstwirtschaft stellt der Freistaat 2019 mehr als 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung, rund 100 Millionen mehr als im vergangenen Doppelhaushalt. Zehn Millionen mehr fließen in die Agrarumweltmaßnahmen“, berichtete Honisch. Für die Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete und Bergregionen habe man die Gebiete 2018 neu abgrenzen müssen. Die Arbeitsgemeinschaft bayerischer Bergbauern habe darauf geachtet, dass das Berggebiet dabei nicht kleiner wird.

Sehr gut angenommen werde das Bergbauernprogramm. Allein für das Schwendprogramm wurden 2018 über 109 000 € Zuschuss bezahlt, fast doppelt so viel wie in den Jahren zuvor, berichtete der AVA-Geschäftsführer. Noch größer war der Anstieg bei der investiven Förderung. 2018 wurden über 1 Mio. € Fördermittel ausbezahlt, 20 % mehr als im Vorjahr. Davon profitierten insgesamt 153 Antragsteller und es wurden Investitionen in Höhe von 4,21 Mio. € angestoßen.

Leider reichten die bereitgestellten Gelder für die erhöhten Anforderungen kaum mehr aus, bedauerte Honisch: „Die Ursachen liegen in der Änderung der Gebietskulisse. Dadurch hat sich die Zahl der Antragsteller erheblich erhöht. Vor allem die Anpassung an den Klimawandel aber macht eine Verbesserung der Wasserversorgung auf vielen Alpen notwendig. Wir bitten die Staatsregierung in Zukunft mehr Geld bereitzustellen.“ Beim Alpwegebau bestehe eine stabile Versorgung mit Fördermitteln, sodass eine Förderhöhe von bis zu 1 Mio. € angestrebt werden könne.
Viel Ärger macht das Konfliktfeld Tourismus. Vor allem die E-Mountainbiker sorgen zunehmend für Probleme. „Wir setzen uns massiv für eine Lösung der Haftungsfrage ein“, so Hage. „Auf ausgewiesenen Radstrecken muss die Haftung bei Wegeunfällen durch die öffentliche Hand übernommen werden. Bei Privatwegen soll der Grundstückseigentümer entscheiden können, ob dieser zum Befahren mit dem Rad geeignet ist oder nicht“, forderte der AVA-Vorsitzende.
Hage schlug eine bayernweite Versicherungslösung zu der Übernahme von Haftungsfolgen auf Alpweiden und -wegen vor, auch im Hinblick auf das Kuh-Urteil in Tirol. Hage: „Es kann nicht sein, dass der Bayerische Staat das freie Betretungsrecht garantiert, dann aber in der Haftungsfrage den Grundstückseigentümer mit den daraus entstehenden Problemen ganz alleinlässt. Der Alpwirtschaftliche Verein fordert eine Neuformulierung des Betretungsrechts.“
Ein Dauerbrenner ist das Thema Wolf. Für die traditionelle Berglandwirtschaft mit ihrer Alpwirtschaft stellt die Wolfspräsenz eine fundamentale Bedrohung dar, betonte Honisch. In Deutschland habe es 2017/2018 etwa 700 Wölfe gegeben. „Deren Population wächst exponentiell an mit etwa 30 Prozent Zuwachs im Jahr.“ Der AVA fordert Nachbesserungen im Bayerischen Aktionsplan, zum Beispiel eine schnelle Genehmigung zum Abschuss, wenn ein Wolf sich Nutztieren wiederholt annähert, Angriffsversuche unternimmt oder wenn Nutztiere verletzt oder getötet werden. Dazu der AVA-Vorsitzende Franz Hage: „Ich bin sehr skeptisch, ob es gelingt, mit dem Aktionsplan Wolf die heimische Weide- und Alpwirtschaft zu schützen. Werden erneut Tiere gerissen und die Älpler werden allein gelassen und unsere Forderungen nicht gehört, könnte ein Auszug des Alpviehs ohne Schellen und Kranz eine Maßnahme sein.“
Zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“ meinte Honisch: „Der Wunsch, das Artensterben zu verhindern, darf nicht auf dem Rücken der Alpbewirtschafter und Bergbauern ausgetragen werden. Die Alpwirtschaft leistet schon seit Generationen einen erheblichen Beitrag zur Artenvielfalt. Arten- und strukturreiches Dauergrünland darf nicht pauschal als gesetzlich geschütztes Biotop ausgewiesen werden. Einzelpflanzenbekämpfung auf den Alpen muss nach wie vor möglich sein.“
Auch die Europaabgeordnete und Gastrednerin Ulrike Müller betonte, dass der Gesetzentwurf nicht umsetzbar sei. „Ich denke, hier hat das Innenministerium nicht sorgfältig geprüft. Ich würde empfehlen, hier nochmal Juristen prüfen zu lassen. Die Naturschützer fordern zu Recht, mehr für die Erhaltung der Artenvielfalt zu unternehmen. Die gleichen Naturschützer geben aber aus reiner Ideologie dem vollkommen überzogenen Schutz von Großraubtieren Vorrang vor dem Schutz unzähliger anderer Arten, die nur durch die Aufrechterhaltung der Beweidung erhalten werden können.“ Alles, was mit Blick auf Schutzmaßnahmen erzählt werde, sei in anderen EU-Staaten längst widerlegt worden.
In ihrer Funktion als Koordinatorin für den EU-Agrarausschuss habe sie eine Studie in Auftrag gegeben zum Thema „Auswirkungen des Wolfes auf die Kulturlandschaft“. Die Ergebnisse wurden im Herbst letzten Jahres vorgestellt. Laut dieser Studie lebten 2016 rund 17 000 Wölfe in Europa. „Ohne Regulierung haben wir Ende diese Jahres 34 000 Wölfe.“
Das Thema sei sowohl im Agrarausschuss als auch im Umweltausschuss mehrfach diskutiert worden. „Es sind nicht nur die Weidetierhalter, die inzwischen mehr Handeln einfordern“, betonte die Europaabgeordnete. Im Schweizer Kanton Uri wurde Mitte Februar 2019 eine Volksinitiative zur Regulierung von Großraubtieren mit 70 % angenommen.

„Realität, nicht naives Wunschdenken, muss sich auch in unseren Vorschriften widerspiegeln“, forderte Ulrike Müller. Die FFH-Richtlinie gelte in ganz Europa. Wie aber damit in den Mitgliedsstaaten umgegangen werde, sei unterschiedlich. Deutschland könnte deutlich mehr machen. „Aber um Entscheidungen aus dem Weg zu gehen, wird lieber auf Brüssel verwiesen. In anderen EU-Staaten werden längst Wölfe ganz regulär geschossen!“

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